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Mittwoch, 5. April 2017


Donnerstag, 22. Juni 2017 um 21:17:35 von Kulturpool Redaktion

Vom Mahlzeitenstillleben zum Foodporn

Anlass
Buch-Neuerscheinung „Feast for the Eyes - The Story of Food in Photography“

„Das Essen soll zuerst das Auge erfreuen und dann den Magen.“ Was bereits Johann Wolfgang von Goethe erkannt hat, gewinnt in der Ära von Facebook und Instagram eine gänzlich neue Dimension. Das von Essenbildern geflutete Netz legt nahe, dass es nicht allein darum geht, das Auge zu erfreuen, sondern auch ums Ego, um das narzisstische Bedürfnis, anderen zu zeigen, was und wo man isst, also wer man ist.

Pieter Aertsen: "Vanitas Stillleben" (1552) aus der Sammlung des Kunsthistorischen Museums Wien.  Aertsen entwickelte ab der Mitte des 16. Jhs. mit Küchenstücken und Marktbildern neue Bildtypen. Dabei integrierte er in den meisten Fällen christliche Szenen - hier: Christus bei Maria und Martha -, die sich immer auffällig verkleinert im Hintergrund des Bildes abspielen. Die im Vordergrund versammelten Gegenstände des täglichen Lebens - Brot, verschiedene Kannen und Krüge, als Hauptmotiv die Rehkeule, ein Blumenstrauß, sorgfältig gefaltete Dokumente und der Geldbeutel bilden dabei ein Vanitasstillleben.

Aus kunsthistorischer Perspektive ist dies freilich nichts wirklich Neues. Denn den Blick auf den Esstisch mit anderen zu teilen ist als Phänomen in der Malerei spätestens seit dem 17.Jahrhundert bekannt. So wie Instagram heute einen Großteil seines Erfolgs der Flut an Essbildern mit dem Hashtag #foodporn verdankt, so verdankten im 17. und 18. Jahrhundert viele, vor allem flämische und holländische Maler ihren Lebensunterhalt der massenhaften Produktion von sogenannten Mahlzeitenstillleben: Ob Clara Peters oder Frans Snyders, Ostas Beert, Jacob von Hulsdinck, Nicolaes Gillis oder Pieter Claesz, Floris van Dyck, Floris van Schooten, Georg Flegel oder Peter Bionik.

Beispiele historischer Mahlzeitenstillleben von Nicolaes Gillis (? - 1632), Pieter Claesz (1596 - 1661), Luis Melendez (1716 - 1780) und Georg Flegel (1566 - 1638) von links oben im Uhrzeigersinn

Sie waren Meister der besonderen Form des Stilllebens, das im Zuge der Autonominierung der Kunst zu einer ganz neuen Gattung wurde, die sehr rasch ihre Hochblüte erlebte und bis weit ins 19.Jahrhundert populär war.

Am Anfang standen zunächst zahlreiche Gemälde aus der Aertsen-Werkstatt, die noch die zeitgenössische Ambivalenz zwischen der Freude an Reichtum und Wohlstand − ausgedrückt durch die ostentative Präsentation von Viktualien im Vordergrund − und der Besinnung auf biblisch religiöse Werte wie die geistige Nahrung und Mäßigkeit − ausgedrückt durch die moralisierende figürliche Darstellung im Hintergrund - widerspiegelten. Ein berühmtes Beispiel ist Pieter Aertsens Vanitas Stillleben von 1552 im Kunsthistorischen Museum in Wien. Es zeigt im Vordergrund ein Stillleben bestehend aus mehreren Objekten − darunter ein besonders großes Stück Fleisch und die moralisierende Szene von Christus bei Maria und Martha im Hintergrund.

"Stillleben mit Rebhuhn, Eisenhandschuh und Armbrustbolzen" von Jacopo de'Barbari, 1504, Alte Pinakothek München (links) und Ausschnitt aus dem Gemälde "Metzger-Verkaufsstand mit Flucht nach Ägypten" von Pieter Aertens, 1551, University Art Collections, Uppsala University, Sweden (rechts).

Die von Aertsen etablierte Bildmotivik ist in der Kunst bis ins frühe 17.Jahrhundert präsent, sie verliert aber nach der Etablierung der autonomen Mahlzeitenstillleben zunehmend das moralisierende bzw. ermahnende Moment. Gemälde wie Frans Snyders „Fischmarkt“ von ca. 1618-20 (ebenfalls in der Sammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien) sind kein Ausdruck mehr von dem Zwiespalt zwischen Luxus und Moral, sondern Zeugnisse des Wohlstands der Auftraggeber bzw. Käufer sowie einer sehr hohen künstlerischen Fertigkeit.

Das früheste selbstständige Food-Stillleben im weiteren Sinne ist vermutlich Jacopo de'Barbaris „Stillleben mit Rebhuhn, Eisenhandschuhen und Armbrustbolzen“, eine stilllebenartige Darstellungen (Trompe-l’œil) mit direktem funktionalem Zusammenhang: Das vom Künstler 1504 datierte Werk war ursprünglich höchstwahrscheinlich in die Wandverkleidung eines Jagdschlosses integriert.

Gemälde von Frans Snyders: "Fischmarkt", ca. 1618-20 (Sammlung Kunsthistorisches Museum Wien)

Speisen und Lebensmittel blieben bis weit ins 19.Jahrhundert beliebte Motive in der Malerei. Erst im 20.Jahrhundert kommen die Mahlzeitenstillleben fast gänzlich aus der Mode, werden einerseits durch die Arbeiten der Eat-Art-Avantgarde (Daniel Spoerri, André Thomkins, Dieter Roth etc.) abgelöst, andererseits durch die Food-Fotografie, die auch jenseits der amateurhaften Foodporn-Praxis auf Instagram in den letzten Jahren eine erstaunliche Karriere gemacht hat. Nicht nur in der Kunst, auch im Fotojournalismus sowie in der wissenschaftlichen und kommerziellen, also der Werbefotografie.

Daniel Spoerri, „Tableau piège: Restaurant de la City Galerie“, Zurich, 1965 (Sammlung Helga Hahn, Köln)Die Anfänge der Eat-Art waren die so genannten Fallenbilder (frz. tableau piège) von Spoerri, für die er in den 1960er Jahren die Reste von beendeten oder abgebrochenen Mahlzeiten mit Leim und Konservierungsstoffen fixierte, um so plastische Momentaufnahmen zu schaffen. Es handelt sich quasi um dreidimensionale Stillleben.

Mittlerweile hat sich die Food-Fotografie zu einem der wichtigsten Genres in der professionellen Fotografie entwickelt. Sie bekommt derzeit mitunter mehr Aufmerksamkeit als etwa die Mode- oder Pressefotografie, arbeitet mit den avanciertesten Fototechniken und erinnert damit auch an seine Vorläufer: Die Mahlzeitenstillleben aus dem Spätmittelalter und der Renaissance. Deren Urheber waren ausgezeichnete Meister der Bildkomposition, Farbgebung und räumlichen Darstellung, die mit ihrer Technik die gesamte Malerei des 16. und 17.Jahrhunderts stark beeinflusst haben.

Foodporn -- was zunächst eher unappetitlich klingt, hat weniger mit Sex als mit Essen zu tun. Unter dem Begriff wird sowohl das Hochladen von Fotos als auch das Suchen und Betrachten der fotografierten Speisen verstanden. Die begriffliche Ableitung aus dem Hardcore-Milieu hat dennoch ihre Berechtigung, geht es doch um Spannerei, den Blick auf den Teller der anderen. Künstlerinnen wie Sarah Lucas (links ihr “Self Portrait With Fried Eggs,” 1996, Credit © Sarah Lucas, Courtesy of Sadie Coles HQ, London) oder das argentinische Kollektiv Mondongo (rechts die Collage "Cookies on wood", 2004, http://www.mondongo.tv/) spielen jedoch gezielt mit dem pornographischen Kontext des Begriffs Foodporn.

Eine andere Gemeinsamkeit drängt sich zwischen den „klassischen“ Mahlzeitenstillleben und den Foodporn-Pics in den Sozialen Medien auf: Der Aspekt der Exaltiertheit. Forscher des Cornell University’s Food and Brand Lab haben sich - angeregt durch die Foodporn-Hype auf Instagram - 2016 daran gemacht, Gemälde mit Essen und Lebensmitteln in den Jahren 1500 bis 2000 zu analysieren. Ihr Augenmerk lag dabei auf den jeweils gemalten und fotografierten Lebensmitteln und Speisen. Das Ergebnis: Einst wie jetzt sind es nicht die tatsächlich bzw. mehrheitlich verzehrten, sprich alltäglichen Speisen, die auf den Bildern zu sehen sind, sondern rare Köstlichkeiten. Auf deutschen und österreichischen Mahlzeitenstillleben des 16. und 17.Jahrhunderts etwa dominieren
Hummer, Artischocken und Zitronen; Lebensmittel, die eher Ausdruck der Sehnsucht sind oder besondere malerische Herausforderungen bedeuten. Viel seltener wurden Hühner, Eier oder Kürbisse gemalt, die viel häufiger auf dem Speisezettel auch des wohlhabenden Bürgertums in Mittel- und Nordeuropa standen.

Beispiele künstlerischer und kommerzieller Foodfotografie (von links oben im Uhrzeigersinn): Wladimir Schohin, Stilleben, 1910 (aus: Feast for the Eyes, Aperture, 2017, Credit: Amatörfotografklubben Helsingfors RF, Finland), Michael Crichton, "The Euphoria Of Food_" (http://www.michaelcrichtonphoto.com), Ausschnitt eines Fotos aus dem Buch "Leaf to Root" von Esther Kern, Pascal Haag und Sylvan Müller (AT Verlag, 2016) und Saša Asanović und Petra Schmidt, "Fish and Chips" (aus der Serie NAMEit international - http://www.foodartists.at

Auch die zeitgenössischen Foodfoto-Poster stellen gewöhnlich nicht ihr Alltagsessen ins Netz, sondern meist ausgefallenen oder zumindest besonders arrangierte Speisen. Und praktisch immer ist damit auch eine Message verbunden: „Ein Instagram-Foto vom Süßkartoffel-Minze-Tabuleh mit Seitan und Cashew-Topping“, so Thomas Stollenwerk, „lässt Individualismus, interkulturelle Kompetenz, bewussten Lebenswandel und den ethisch motivierten Verzicht auf Fleisch erahnen. Das Foto-Tweet vom saftigen Hamburger verweist auf das Bekenntnis zum Genuss, auf laissez faire, Hedonismus, Lebensfreude, Pop. Und in Kombination mit dem Hinweis auf ein angesagtes Have-to-go-Lokal oder die heimische Küche lässt sich am Foodpic sogar noch ein bisschen mehr über den sozialen Status des Urhebers ablesen.“

Auskunft über ihren sozialen Status wollten auch die Auftraggeber oder Käufer der Mahlzeitenstillleben schon vor 400 Jahren geben. Die Connaisseurs der Renaissance jedoch haben noch malen lassen, die Foodies von heute knipsen selbst. Und sie hängen ihre Bilder eigenhändig ins globale digitale Museum.

Cover des Buchs "Feast for the Eyes" von Susan Bright und Roger Fenton (Aperture, 2017) links und "Self-Portrait with Eighty Cakes" von Tim Walker, 2008 (aus: Feast for the Eyes, Aperture, 2017) Credit: Tim Walker

Quellen:

° https://de.wikipedia.org/wiki/Mahlzeitstillleben|https://de.wikipedia.org/wiki/Mahlzeitstillleben
° Foodporn - Was Essensfotos im Social Web bedeuten - von Thomas Stollenwerk (https://www.biorama.eu/foodporn-fotos-von-essen/https://www.biorama.eu/foodporn-fotos-von-essen/)
° https://www.nytimes.com/2017/05/18/t-magazine/food-photography-history.html?_r=0
° https://en.wikipedia.org/wiki/Food_por
° derstandard.at/1392687793787/Hashtag-Food-Porn