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Mittwoch, 6. Mai 2020



Mittwoch, 26. Februar 2020


Sonntag, 29. März 2020 um 11:55:01 von Kulturpool Redaktion

Digitales Biedermeier

Anlass
Quarantanien oder das digitale Biedermeier

Es mag an die Vorstellungen über die Zeit des Biedermeier erinnern, wenn das Häusliche und das Zu-Hause-Bleiben unseren Alltag bestimmt und wir uns auf neue Formen des Alltagslebens einlassen und Ideen zu dessen Bewältigung hervorbringen.
Die Epoche des Biedermeier umfasste die Zeitspanne 1815 bis 1848, mögen die derzeitigen Beschränkungen uns für eine kürzere Phase betreffen und mögen wir eventuell entsprechende Entwicklungen in dieser Zeit aufnehmen und weiterentwickeln.

Einmal mehr nahm etwas seinen Anfang auf dem Wiener Kongress.


"Empfang der verbündeten Monarchen in Wien 1814 anlässlich des Wiener Kongresses""
Lithographie von Franz Wolf nach einer Vorlage von Johann Nepomuk Hoechle,
aus der Serie „Hauptmomente aus dem Leben Sr. Majestät Franz I.“; 1833
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek


"Wiener Kongress, Gruppenbild der leitenden Staatsmänner"
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Vor 200 Jahren wurde während des Wiener Kongresses die Bundesakte beschlossen, der völkerrechtliche Vertrag zur Errichtung des Deutschen Bundes, der nach den napoleonischen Kriegen den Kaiser von Österreich, den König von Preußen und die souveränen Fürsten und freien Städte Deutschlands vereinigte und unter Heranziehung von Garantiemächten als langfristiger Bund Bestandteil einer neuen europäischen Wirtschafts- und Friedensordnung sein und Schutz bieten sollte.

Im August 1819 hielten in Karlsbad die wichtigsten Bündnispartner Ministerialkonferenzen, auf denen Maßnahmen zur Überwachung der Studentenschaft und letztens auch des Bürgertums und zur Unterdrückung gängiger liberaler und nationaler Bestrebungen, die in den deutschen Ländern kursierten, festgesetzt wurden. Die Karlsbader Beschlüsse. Offizieller Anlassfall war die Ermordung des reaktionären Schriftstellers Kotzebue durch studentische Burschenschafter.


"Der Tod August Kotzebues""
Druckgrafik aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Die Karslbader Beschlüsse

§1) Es soll bei jeder Universität ein mit zweckmäßigen Instruktionen und ausgedehnten Befugnissen versehener, […] landesherrlicher Bevollmächtiger […] von der Regierung angestellt werden. Das Amt dieses Bevollmächtigen soll sein, über die strengste Vollziehung der bestehenden Gesetze und Disziplinarvorschriften zu wachen, den Geist, in welchem die akademischen Lehrer bei ihren öffentlichen und Privatvorträgen verfahren, sorgfältig zu beobachten […].

§2) Die Bundesregierungen verpflichten sich gegeneinander, Universitäts- oder andere öffentliche Lehrer, die durch erweisliche Abweichung von ihrer Pflicht oder Überschreitung der Grenzen ihres Berufes, durch Missbrauch ihres rechtmäßigen Einflusses auf die Gemüter der Jugend, durch Verbreitung verderblicher, der öffentlichen Ordnung und Ruhe feindseliger oder die Grundlagen der bestehenden Staatseinrichtungen untergrabender Lehren, ihre Unfähigkeit zur Verwaltung des ihnen anvertrauten wichtigen Amtes unverkennbar an den Tag gelegt haben, von den Universitäten und sonstigen Lehranstalten zu entfernen […].

§3) Solange der gegenwärtige Beschluss in Kraft bleiben wird, dürfen Schriften, die in der Form täglicher Blätter oder heftweise erscheinen, desgleichen solche, die nicht über 20 Bogen im Druck stark sind, in keinem deutschen Bundesstaate ohne Vorwissen und vorgängige Genehmhaltung der Landesbehörden zum Druck befördert werden […].

§4) Kein Studierender, der […] von einer Universität verwiesen worden ist, […] soll auf einer anderen Universität zugelassen, auch überhaupt kein Studierender ohne ein befriedigendes Zeugnis seines Wohlverhaltens auf der von ihm verlassenen Universität von irgendeiner anderen Universität aufgenommen werden.

Die Karlsbader Beschlüsse waren eine politische Reaktion, die einer Vielzahl von Anhängern liberaler Bewegungen, vorwiegend Studenten, deren erhoffte Freiheiten im neugeordneten Europa verwehrten und stattdessen mittels Zensur und Überwachung eine staatliche Ordnung wiederherstellten („restaurierten“, aus diesem Wortstamm übrigens auch das Wort „Restaurant“ (Die Wiederherstellung….nach dem Hunger! Anm. der. Red.!)), daher auch der Begriff der „Restauration“ für diese Phase von dem Wiener Kongress 1815 bis zur Revolution 1848. Grundlegend waren das Verbot der schriftlichen und öffentlichen Meinungsfreiheit, die Überwachung der Universitäten, die Schließung der Turnplätze (Turnsperre von 1820 bis 1842), das Berufsverbot für liberal gesinnte Professoren bis zum Eingriff in die seit Jahrhunderten unabhängige akademische Gerichtsbarkeit.


"1820 wurde der Student Carl Ludwig Sand wegen des Mordes an dem deutschen Dichter und russischen Staatsrat August von Kotzebue (1819) durch Enthauptung hingerichtet""
Aus der Sammlung des Instituts für Österreichische Rechtsgeschichte und Europäische Rechtsentwicklung, Karl-Franzens-Universität Graz Zentrum für Informationsmodellierung

Aus einer anderen Perspektive nennt man diese Epoche auch den „Vormärz“. Hier sind die revolutionären Ideen im Vordergrund der sich entwickelnden Spannungen und Literaten wie Georg Büchner oder Heinrich Heine.


"Heinrich Heine"
Anonym, Fotopapier auf Karton, SW
Aus der Sammlung des Theatermuseums Wien

BIEDERMEIER und die Flucht ins Private

Diese Einschränkungen an der Teilnahme am allgemeinen öffentlichen Leben führten zu einem Rückzug, ja zu einer Flucht ins Private. Das Bürgertum suchte und fand in der „Häuslichkeit“ entsprechende Erfahrungsmomente und bewirkte neue kulturelle Lebensformen.
Es entstand eine große Nachfrage an Miniaturmalerei sowie Einzel- oder Familienporträts, die prägend für diese Epoche waren und gleichzeitig auch für eine größere Gruppe an Malern eine wichtige und nachhaltige Einkommensmöglichkeit darstellte.

Friedrich von Amerling, Leopold Kupelwieser, Ferdinand Georg Waldmüller
waren Protagonisten dieser Zeit und Szene.


"Fotografie eines Selbstporträts des Malers Ferdinand Georg Waldmüller"
Selbstporträts des Malers Ferdinand Georg Waldmüller, von 1833-34
Fotografie von Wilhelm Gmeiner, Wien 1905
Aus der Sammlung des Museum für angewandte Kunst, MAK Wien


"Fotografie einer Porträtmalerei einer Frau"
Fotografie einer Porträtmalerei einer Frau, eventuell Amalie Waldmüller, von Ferdinand Georg Waldmüller
Anonym, Wien um 1900
Aus der Sammlung des Museum für angewandte Kunst, MAK Wien


"Friedrich von Amerling, Selbstporträt"
Aus der Sammlung der Gemäldegalerie Belvedere


"Leopold Kupelwieser"
Leopold Kupelwieser
Druckgrafik aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek


"Dame in blauem Kleid"
Leopold Kupelwieser, 1827
Aus der Sammlung der Gemäldegalerie Belvedere


"Josef Mayer Freiherr von und zu Gravenegg"
Leopold Kupelwieser, 1827
Aus der Sammlung der Gemäldegalerie Belvedere

Entstehung der Salonkulturen

Die Musik brachte die Hauskonzerte hervor, da eine Vielzahl an Menschen es bevorzugten in die eigenen vier Wände zu laden und dort im kleinen Rahmen Musik zu genießen und eventuell Allgemeines zu kommentieren. Ab einer gewissen Regelmäßigkeit an Konzertaufführungen in kleineren oder größeren Wohnzimmern nannte man die musikalische Reihen und die Zusammenkunft einen Wiener Salon. Die Salons waren in unterschiedlichsten Rahmen gesellschaftliche Zentren und versorgten viele Ensembles und Musikgruppen mit laufenden Auftrittsmöglichkeiten und trugen dazu bei vielen vorwiegend Musikern, aber auch Musikerinnen ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. Musikaffine Gastgeberinnen und Gastgeber spielten oftmals auch selbst eigene Werke oder trugen aus dem reichen Schatz der Wiener Klassik oder aus Werken anderer Epochen vor.


"Franz Schubert, Landpartie der Schubertianer"
Lichtdruck von Max Jaffé nach Leopold Kupelwieser
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Der ursprünglich aufkommende Begriff des Biedermeiers stammt aus der Feder der Schriftsteller Adolf Kußmaul und Ludwig Eichrodt. Die beiden Studienfreunde erfanden zwischen 1855 und 1857 die Figur des schwäbischen Dorflehrers Gottlieb Biedermeier, dem nach ihrer Diktion „seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen“. Diese Spottbezeichnung bezeichnet einen biederen, spießigen und in sich zurückgezogenen Menschen als bissige Darstellung und Abbild eines Stereotypen der Vormärz‘schen Epoche.


"Porträt Adolf Kussmaul"
Druckgrafik aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Insgesamt erreichten diese Jahrzehnte sowohl eine Rückbesinnung auf persönliche Werte wie Familie, das Häusliche, das Bescheidene mit all ihren Entsprechungen in der Kunst als auch in Folge eine Suche nach Spaß und Genuss, die das Entstehen von Tanzlokalen, Heuriger, Kaffeehäuser und Casinos hervorbrachte und in der Ablenkung und Zerstreuung von den herrschenden Gewalten und des fordernden Alltags ein neues öffentliches Leben im Dienste des Vergnügens zelebrierte.

Die momentane Situation spiegelt in Ansätzen die damaligen Zeiten wider, da zum ersten Mal seit mehreren Generationen Ausgangsbeschränkungen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, wenn auch aus gänzlich anderen Gründen, einen neuen Alltag fordern und formen. Das Bestehen einer inzwischen auch virtuellen Welt ermöglicht trotz Quarantäne die Teilnahme an einem in bestimmten Bereichen weitergehenden öffentlichen Leben auf digitaler Ebene. Viele Antworten bietet wie schon im Biedermeier die Kunst und Kultur, die mittels Live – Streams, aufbereiteter digitaler Archive, Online-Abrufbarkeit und -Aufbereitung diverser Aufzeichnungen eine Vielzahl an kulturellem Angebot abbildet auch in der Hoffnung weiterhin aufgebaute Fangemeinden und Zielgruppen in Zeiten des Stillstands nicht ganz zu verlieren und vielleicht auch neue Sehergruppen zu gewinnen.

So öffnet sich der digitale Schatz vieler österreichischer Kulturinstitutionen und bietet Einblicke in Ausstellungen, Erklärungen zu einzelnen Objekten, ermöglicht Downloads von Bildern, lässt Ansichtskarten aus alten Zeiten hervorheben und vieles mehr.

In den nächsten Wochen möge sich hier eine Serie an Vorstellungen und Links ergeben, die auf diverse besondere digitale Angebote hinweisen will.

https://www.europeana.eu

Wer eine Reise geplant oder schon gebucht hat und sich zum Beispiel in Gedanken in die Gegenden versetzen will, die anvisiert waren, hat zum Beispiel in der Ansichtskartensammlung der Nationalbibliothek die Möglichkeit Postkarten runterzuladen, auszudrucken oder als Link zu versenden, eventuell mit ein paar Grüßen und Wünschen aus den vermeintlichen Orten und Stätten versehen..

AKON ist das Ansichtskartenportal der Österreichischen Nationalbibliothek. 75.000 digitalisierte Postkarten mit topographischen Bildmotiven können sowohl über die Namen der abgebildeten Orte, als auch über eine digitale Weltkarte gefunden werden.
Das Portal beinhaltet Ansichtskarten aus allen Teilen der Welt, von den Anfängen der illustrierten Postkarte Ende des 19. Jahrhunderts bis in die frühen 1940er Jahre.

https://akon.onb.ac.at/

Karthago!

"Ansichtskarte Karthago"
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Diverse Hashtags listen bis zu 2.500 internationale Museen auf, die auf ihre digitalen Archive verweisen.

#MuseumMomentofZen
#MuseumFromHome

Anbei auch ein Link zur Seite eines 17-jährigen Schülers aus Seattle, der eine Informationsseite mit all den aufbereiteten Länderdaten an Infizierungen, Genesungen und weiteren Infos aufgebaut hat, die den meisten behördlichen Websites aufgrund automatisierter Wartungen um einiges voraus ist.

https://ncov2019.live/