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Mittwoch, 22. Februar 2017


Montag, 20. März 2017 um 19:52:45 von Kulturpool Redaktion

Der Übermaler

Anlass
Die umfangreiche Sammlung Gegenwartskunst des Museums für Angewandte Kunst (MAK) - unter anderem mit mehr als 500 Arbeiten von Arnulf Rainer - ist nun auch in digitalisierter Form online abrufbar.

Der Wikipedia-Eintrag zu Arnulf Rainer beginnt mit einem lapidaren Satz: „Arnulf Rainer (* 8. Dezember 1929 in Baden bei Wien) ist ein zeitgenössischer österreichischer Maler. Bekannt sind seine Übermalungen.“ Fertig. Übermalungen. Vermutlich haben viele auch nicht besonders kunstaffine Menschen eine solche Assoziation, wenn sie den Namen des Künstlers hören oder lesen: Ein Kopf wilder Wuschelhaare, ein Dreitagebart, das Gesicht zur Grimasse verzerrt. Das alles als Schwarz-Weiß-Foto abgebildet und verborgen hinter ungestümen Farbschlieren in Rot, leuchtendem Gelb und Schwarz.

Übermalungen und Überschriftungen sind die Markenzeichen des international vielleicht bekanntesten Österreichischen Künstlers der Nachkriegszeit. Rainer hat daraus eine eigene Kunstform gemacht. Er übermalte und überschriftete eigene und fremde Werke, Fotos und Filmstills des eigenen Körpers und der Gesichter anderer Menschen; mit wechselnder Technik, vom Kohlestift bis zur Verfremdung mit Hilfe digitaler Verfahren. Auch das Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK), das über 500 grafische Arbeiten, vor allem zahlreiche Plakatentwürfe, in seiner nun auch online abrufbaren Sammlung besitzt, hat Rainer mit einer „Überschriftung“ gewürdigt (siehe Bild oben).

1970 wurden erstmals Arnulf Rainers „Face Farces" ausgestellt, überzeichnete Selbstporträts, die der Künstler mittels eines Fotoautomaten am Wiener Westbahnhof angefertigt hatte. Animiert durch die Auseinandersetzung mit der Kunst und der dieser zugrunde liegenden Befindlichkeit psychisch kranker Künstler, begann Rainer 1968 mit physiognomischen Deformationen der eigenen Mimik zu experimentieren. Stundenlang nahm er den Automaten in Beschlag, um durch theatralisches Verzerren des Gesichts ganze Serien von Grimassen zu schaffen, die er in Folge überarbeitete, um den gewollten Ausdruck noch weiter zu verschärfen. So machte er sich selbst zum Objekt, lieferte sich dem Automaten und dem nie genau berechenbaren „Shooting“ aus, um im Zuge der nachträglichen künstlerischen Bearbeitung das „Portrait“, das - klassischen Regeln folgend - die jeweilige Person nicht nur äußerlich abbilden, sondern auch ihr Wesen bzw. ihre Persönlichkeit zum Ausdruck bringen soll, aufzulösen. Vor allem Rainers frühe „Face Farces", insbesondere die überarbeiteten Automatenfotos, sind nicht nur originär und grundlegend im seinem Oeuvre, sondern vermitteln explizit jene Unmittelbarkeit des kraftvollen Ausdrucks, der den Wiener Aktionismus charakterisiert; auch wenn sich Rainer selbst jene Bewegung der modernen Kunst, in der in den 1960er Jahren eine Gruppe Wiener Künstler das Konzept der amerikanischen Happening- und Fluxus-Kunst aufgegriffen und auf äußerst provokante Weise umgesetzt hat, nie zugehörig fühlte.

Ab Mitte der 70er Jahre wandte sich Rainer dann einer gestischen Fuß- und Fingermalerei zu. Zur selben Zeit entstanden, inspiriert von anderen Künstlern, zahlreiche Serien von „Kunst über Kunst“: Rainer überarbeitete Aktaufnahmen, kunstgeschichtliche Abbildungen, Seiten in alten wissenschaftlichen Büchern, Fotos von den Bombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki, die grotesken „Charakterköpfe“ des spätbarocken Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt, Fotos nach Gustave Doré, Anton Maria Zanetti oder Leonardo da Vinci. Rainer führte in seinen Arbeiten eine intensive Zwiesprache mit diesen Künstlern und ihren Werken, eröffnete künstlerische Dialoge über ein Ausloten von Fläche und Raum, Farbe und reduziertes Schwarz-Weiß, zwischen Fülle und Leere, zwischen Abstraktion und Figuration, und setze damit einen Gedankenaustausch zwischen dem Eigenen und dem Beitrag von Anderen in Gang.

Seit dem Jahr 1977 fand der Tod Eingang in der Motivik von Arnulf Rainer und wurde zu einem zentralen Thema. Auch hierbei arbeitete der Künstler mit Übermalungen von Totenmasken, Mumien, Leichengesichtern und Darstellungen von Kreuzigungen; Übermalungen, wo die spätere Farbe die frühere fast gänzlich verschluckt, wo sie fast nichts vom Übermalten verrät, und Übermalungen, die die Grundlagen immer noch sichtbar lassen. Die Serien sind Legion, in vielen Museen (nicht zuletzt in dem seit 2009 bestehenden Arnulf Rainer-Museum in seiner Geburtsstadt Baden bei Wien) und privaten Sammlungen zu finden.

Die umfangreiche Rainer-Sammlung des Museum für angewandte Kunst, für das die zeitgenössische Kunst seit seiner Gründung als Museum für Kunst und Industrie eine bedeutende Rolle spielt, konzentriert sich naturgemäß vor allem auf „angewandte“ Arbeiten des Künstlers: Plakatentwürfe, Zeichnungen und Skizzen für Buchcovers, die aber direkt und indirekt auf das gesamte Oeuvre Bezug nehmen. Die Rainer-Sammlung ist Teil der Sammlung Gegenwartskunst mit Schwerpunktsetzung auf internationale zeitgenössische Positionen unter besonderer Berücksichtigung ausgesuchter österreichischer KünstlerInnen. Ein Großteil der Werke entstand und entsteht aus eigens für das Museum entwickelten Ausstellungen und Projekten, wobei das Medium Ausstellung, vergleichbar einer Momentaufnahme, an Geschichte und künstlerischer Produktion beteiligt ist.

Die digitale Sammlungsdatenbank des MAK (http://sammlung.mak.at/search/), die auch in den Kulturpool integriert ist und über dieses Portal in die virtuelle Bibliothek des wissenschaftlichen und kulturellen Erbes Europas (europeana.eu) eingespeist wird, steht der Öffentlichkeit sowohl für private als auch für wissenschaftliche Recherchezwecke zur Verfügung. Abrufbar sind Stammdaten und Bildinformationen zu 230.000 Objekten der MAK-Sammlungsbereiche Asien, Design, Gegenwartskunst, Glas und Keramik, Möbel und Holzarbeiten, Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv, Textilen und Teppiche sowie der MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung. In weiteren 70.000 Einträgen werden zusätzliche Informationen zu beteiligten KünstlerInnen und ausführenden Firmen geboten.