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Montag, 29. Oktober 2018



Samstag, 29. September 2018


Dienstag, 16. Oktober 2018 um 12:36:04 von Kulturpool Redaktion

Rudolf, der Fälscher

Anlass
Privilegium Maius

Rudolf, der Fälscher

Das Privilegium Maius und Rudolf IV. der Stifter

Erst nach 15 Jahren ehelicher Bemühungen einen Nachkommen zu zeugen, gelang es Albrecht II, der aufgrund seiner zeitweiligen Lähmungen auch Albrecht, der Lahme, genannt wurde, 1339 einen die ersten Tage überlebenden Sohn auf die Welt zu bringen. Als dieser Bann durch die Geburt Rudolfs gebrochen wurde, folgten fast im zwei Jahresrhythmus noch eine Vielzahl von Kindern, unter ihnen die drei Brüder Friedrich III, Albrecht III und Leopold III.


Rudolf IV der Stifter, Herzog von Österreich, aus der Porträtsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Rudolf IV genoss von klein auf eine profunde Ausbildung und war unter anderem des Schreibens mächtig, was unter den Adeligen dieser Zeit keineswegs selbstverständlich war. Mit 9 Jahren wurde er mit Katharina von Luxemburg verlobt, der Tochter Karl IV, damals zukünftiger König von Böhmen und aussichtsreichster Kandidat auf die Reichskrone.

Im Jahr 1353, mit 14 Jahren folgte die Hochzeit mit Katharina von Luxemburg in Prag, was Rudolf gleichzeitig zum Schwiegersohn Karl IV machte. Als König von Böhmen, zwei Jahre bevor dieser auch römisch-deutscher Kaiser wurde, war Karl IV aus dem Herrscherhaus der Luxemburger zu dieser Zeit bereits eine der bedeutendsten Gestalten des Spätmittelalters und zählte zu den einflussreichsten Herrschern seiner Zeit.


Karl IV., aus der Sammlung REALonline des Institutes für Realienkunde


Kaiser Karl IV., aus der Sammlung REALonline des Institutes für Realienkunde

Rudolfs Vater Albrecht II hat es auf eine Annäherung der beiden Häuser Luxemburg und Habsburg angelegt, die sich zuvor aufgrund Streitigkeiten beim habsburgischen Erwerb Kärntens und der Krain ergeben haben. Durch die Vermählung ihrer Kinder ließen sich die Zerwürfnisse aus dem Weg räumen.

Als Schwiegersohn des Böhmischen Königs und späteren Kaisers genoss er anfänglich dessen wohlwollende Protektion, was zu einer weiteren Steigerung des Selbstbewusstseins des jungen Fürsten Rudolf IV führte. Er war sich nicht nur seiner gesonderten Position im Reich bewusst, sondern auch seiner Möglichkeiten, mit der Rudolf die Positionierung seiner Familie im europäischen Mächtezirkel vorantreiben wollte und konnte. Dies auf ein Niveau, das ihm seiner Ansicht nach aufgrund der Herrschaftsbereiche des Hauses Habsburg zu dieser Zeit bereits zustehen sollte.

Rudolf IV war, durch die von seinem Vater erlassene Albertinische Hausordnung, zur Herrschaft ihrer Besitzungen zwar nur zur gesamten Hand, im Sinne etwa eines heutigen „geschäftsführenden Gesellschafters“, ermächtigt, er ließ sich von seiner Position als Ältester allerdings nicht dreinreden und führte de facto alleine die Agenden der Familie.

Viele große Besitzungen, jedoch insgesamt sehr verstreute Ländereien zählten bereits zu dem Herrschaftsbereich der Habsburger: Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain sowie die Vorlande, also der Stammbesitz in Schwaben und im Aargau. Die Albertinische Hausordnung versuchte mit der Regelung eines Herrschens zur gesamten Hand die Gefahr abzuwehren, durch zukünftig zu erwartende Erbaufteilungen es zu weiteren Teilungen ihrer Herrschaft kommen zu lassen und schützte die Gesamtheit ihrer Ländereien mit diesem Erlass.

Rudolf IV erwarb in seiner Herrschaftszeit mittels Erbvertrags mit Margarete „Maultasch“ das Land Tirol, was ein wichtiges Bindeglied für die Besitzungen der östlichen und westlichen Territorien war.

Neben den ehrgeizigen Plänen seine direkten Herrschaftsbereiche betreffend, ließ Rudolf IV auch eine Vielzahl an nachhaltigen Gründungen und Stiftungen bauen. Die „Alma Mater Rudolphina“ als zweitälteste Universität im deutschsprachigen Raum, den Ausbau Wiens zur Residenzstadt, welcher die Position als politischer und kultureller Mittelpunkt des Habsburgerreiches stärkte sowie den Ausbau der Wiener Stephanskirche zum Dom. Daher lässt sich auch sein Beiname „der Stifter“ ableiten. Auch in seiner Wirtschaftspolitik verfolgte er ehrgeizige Pläne und ermöglichte zahlreichen Landstädten mit der Ausstattung von Sonderrechten eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Mit dem „Wiener Pfennig“ schuf Rudolf IV auch eine relativ stabile Münzeinheit.


Rudolf IV. besucht den Bau des St. Stefansdomes, aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Es muss Rudolf IV sehr schwer beleidigt und gekränkt haben, als sein Schwiegervater Karl IV, 1356 die Goldene Bulle verfasste, das wichtigste Reichsgrundgesetz zur deutschen Königswahl und er darin im Gegensatz zu anderen Fürsten des Reiches keine Erwähnung fand.


Cod. 338 (Faks.), fol.33v: Goldene Bulle u. a., aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Die Goldene Bulle legte die Wahlordnung für die Königswahl im Reich fest und bedeutete für einige Reichsfürsten, die nun zu Kurfürsten ernannt wurden, einen großen Privilegien- und Machtzuwachs. Das Haus Habsburg wurde dabei nicht erwähnt, was bei Rudolf IV nicht nur Unverständnis zur Folge hatte, sondern Motivation mit eigenen Mitteln dagegen anzukämpfen bedeutete.

Schließlich war sein Großvater Albrecht I ein König gewesen und die Habsburger beherrschten wesentliche Gebiete im Osten und Südosten des Reiches und zählten jedenfalls bereits zu den mächtigsten Herrschergeschlechtern jener Zeit. Ehrgeizig, gebildet und jung wollte er die empfundene Schmach nicht auf sich sitzen lassen und erdachte sich einen einmaligen Coup, der seine Stellung im Reich zur gewünschten Positionierung und Konsolidierung führen sollte. Mit einer Fälschung von vermeintlich bestätigten Privilegien erdachte er sich, die ihm gebührende Rangordnung innerhalb des Reiches herzustellen und ihn mit jenen Privilegien auszustatten, über die die Kurfürsten bereits verfügten.

Das Privilegium de non evocando (Mit dem privilegium de non evocando – dem Privileg des nicht geladen Werdens – gab der Deutsche König bzw. Römisch-deutsche Kaiser ein Teil seiner Gerichtsgewalt an den jeweiligen Landesherrn ab, Anm. d Red.) hatte zwar auch schon der habsburgische Landesherr Herzog Albrecht II (1330 – 1358) erlangt. Der anderen Vorrechte der Kurfürsten waren die Habsburger jedoch nicht teilhaftig. Auch die Prinzipien der Unteilbarkeit und der Primogenitur galten für die habsburgischen Länder nicht. Herzog Albrecht II hatte in seiner Albertinischen Hausordnung 1355 im Gegenteil bestimmt, dass ihm seine vier Söhne zur gesamten Hand in der Herrschaft nachfolgen sollten.

Als Albrecht II 1358 starb, war nur sein ältester Sohn Rudolf IV alt genug, die Herrschaft ergreifen zu können. Zur Rechtfertigung seiner Alleinherrschaft und der Zurücksetzung seiner Brüder sowie allgemein von dem Motiv geleitet, die reichsrechtliche Stellung der Habsburger jenen der Kurfürsten anzugleichen, ließ der politisch aktive Herzog in seiner Kanzlei eine Urkundensammlung fälschen, die die seinen Vorstellungen entsprechende Position des habsburgischen Landesherrn rechtlich untermauern sollte.

(Rudolf Hoke, Österreichische und deutsche Rechtsgeschichte, Böhlau, S. 87-88)

Rudolf IV war gerade einmal 18 Jahre alt, als er sich ans Werk machte, einen „Remix“ aus den wichtigsten Dokumenten, auf denen Teile seiner Herrschaft fußten, mit gefälschten Urkunden zu gestalten, um eine neue Grundlage für seinen Herrschaftsraum in der Hand zu haben.

Ausgegangen wurde vom „privilegium minus“, jener berühmten Urkunde, mit der Kaiser Friedrich Barbarossa das noch von den Babenbergern beherrschte Gebiet zu einem von Bayern abgetrennten und unabhängigem Herzogtum erheben ließ.

Fünf weitere Urkunden ließ Rudolf fälschen, die seine Ansprüche untermauern sollten:

Ein Brief Friedrich Barbarossas, der das privilegium minus mit den damit verbundenen neuen Rechten bestätigte sowie weitere Bestätigungen von den Königen Heinrich VII im Jahr 1228, Friedrich II im Jahr 1245 und Rudolf I aus dem Jahr 1283.

Rudolf IV legte eine weitere Urkunde vor, in der Kaiser Heinrich IV im Jahr 1058 einen Brief bestätigt, der Österreich mit besonderen von den römischen Herrschern Cäsar und Nero verliehenen Privilegien ausstattete.

Kaiser Karl IV überprüfte die Schriftstücke von seinen Gelehrten und kein geringerer als der italienische Frühhumanist Francesco Petrarca erkannte den Schwindel und verhöhnte diesen gewagten Betrug mit den Bestätigungen der römischen Cäsaren gehörig.

Selbst die Zurückweisung dieser Urkunden und die damit fehlende Anerkennung seiner gewünschten Rechte hielten Rudolf nicht ab, den Fantasietitel, den er sich für das Haus Habsburg mittels seiner Fälschungen kreierte, zu tragen. Den Titel „Palatinatus archidux“ zu führen, was in etwa Pfalzerzherzog bedeutet, wurde ihm von seinem Schwiegervater untersagt. Nicht widersprochen wurde der auch von ihm selbst ernannte Titel eines Herzogs von Krain, was zur Folge hatte, dass Rudolf neben Österreich, Steiermark und Kärnten dadurch auch ein viertes habsburgisches Herzogtum innehatte, die Krain.

Damit nicht genug, brauchte er auch in Zeremoniell und Kleidung Zeichen und Symbole, die seiner neuen gehobenen Stellung Rechnung tragen würden und er schuf sich den kronengleichen Erzherzogshut. Dies führte letztendlich zu einem Konflikt mit Kaiser Karl IV, der Rudolf wiederholt das Führen dieser Titel und Symbole verbieten ließ.
Ein Jahrhundert später erst, bestätigte sein Nachfahre Kaiser Friedrich III die von Rudolf erschlichenen Privilegien. Dies erlaubte den Habsburgern unter anderem sich ab dann mit dem Titel „Erzherzog“ zu schmücken.


Österreichischer Erzherzogshut Josefs II. von 1764, Karkasse, aus der Sammlung der Weltlichen Schatzkammer, Kunsthistorisches Museum Wien

Ausstellungstipp:

Falsche Tatsachen

Das Privilegium Maius und seine Geschichte

Der Wunsch, mit Hilfe falscher Behauptungen Tatsachen zu schaffen, ist nicht nur in unserer Zeit allgegenwärtig, sondern wohl so alt, wie die Menschheit selbst. Er liegt auch der bekanntesten Urkundenfälschung der österreichischen Geschichte zugrunde, welche das Selbstverständnis des Hauses Habsburg im Gefüge der politischen Großmächte Europas bis 1918 wesentlich prägte und als Schöpfung eines jungen und ehrgeizigen Politikers bis heute fasziniert: dem sog. „Privilegium Maius“.

Alle fünf Teile dieses Dokumentenkomplexes, den Herzog Rudolf IV. der Stifter (1339-1365) in Auftrag gab, werden mit dieser Ausstellung im Jahr des Europäischen Kulturerbes erstmals überhaupt gemeinsam gezeigt. Ergänzt wird die Präsentation durch so spektakuläre Leihgaben, wie einem Exemplar der zum UNESCO-Weltdokumentenerbe gehörigen „Goldenen Bulle“ oder dem Standbild Rudolfs IV. vom Singertor am Stephansdom.

Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums in Kooperation mit dem Österreichischen Staatsarchiv.