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Montag, 29. Oktober 2018


Donnerstag, 29. November 2018 um 09:33:38 von Kulturpool Redaktion

Sprichwörter zur Zeit Bruegels Teil 2

Anlass
Sprichwörter zur Zeit Bruegels


Niederländische Sprichwörter, Pieter Bruegel, Europeana, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, Berlin

Die niederländischen Sprichwörter oder auch die flämischen Sprichwörter enthalten mehr als 100 Redewendungen, die zum guten Teil heute noch geläufig sind.

Das 1559 entstandene Ölgemälde „Die Niederländischen Sprichwörter“ von Pieter Bruegel dem Älteren wird gerne neben dem auch 1559 entstandenen Bild „Kampf zwischen Fasching und Fasten", sowie dem 1560 entstandenen Gemälde „Kinderspiele“ als sogenanntes „Wimmelbild“ bezeichnet.

Der Begriff ist bis heute üblich für Bilderbücher, die charakteristischerweise meist auf deutlich dickerem Papier bzw. Karton gedruckt sind, überdimensionierte Formate aufweisen und die mit möglichst vielen Einzelheiten, bei denen es von Eindrücken und Szenen nur so „wimmelt“, den Lesenden in ihre bebilderte Welt entführen.
Ein weiteres Kriterium ist die aufgezeigte Perspektive, die dem Betrachter eine Übersicht über das Geschehen vermitteln soll. Der Horizont ist meist hoch angelegt und schafft einen Blick über einen weiten Raum, um möglichst viele detaillierte Szenen erfassen zu können.

Pieter Bruegel verarbeitet in seinen Wimmelbildern eine Vielzahl an Figuren und Details, wie eben eine Sammlung an Sprichwörtern oder eine bildliche Aufzählung von Kinderspielen. Auf dem Gemälde „Kinderspiele“ zeigt er 230 Figuren und zitiert über 90 Kinderspiele. Einige wie „Blinde Kuh“ sind über die Jahrhunderte bis heute beliebte Kinderspiele geblieben. Andere der aufgezählten Spiele sind mitunter in Vergessenheit geraten und deren Spielverlauf nicht mehr nachvollziehbar.

Auch wie im Teil 1 beschrieben, sind eine Vielzahl von den „Niederländischen Sprichwörter“ bis heute noch selbst im Alltagsgebrauch in der deutschen Sprache vorzufinden.

In diesem Gemälde lassen sich anhand zig-facher Szenen die unterschiedlichsten Sprichwörter ausfindig machen, die Lebenssätze beschreiben, die in heutiger Form und Sprache immer noch Anwendung und Ausdruck finden und eben vielleicht auch durch dieses Werk und dessen Rezeption weiter im Sprachgebrauch geblieben sind.

Die Niederländischen Sprichwörter


Erläuterungen mit Zahlensystem zu den Niederländischen Sprichwörtern, Wikipedia

Ein paar weitere Beispiele mit Details aus Bruegels "Niederländische Sprichwörter":


1 Den Teufel aufs Kissen binden
Durch Starrköpfigkeit selbst den Teufel überwinden


2 Ein Pfeilerbeißer
Jemand ist ein scheinheiliger Heuchler


3 Sie trägt Feuer in der einen, Wasser in der anderen Hand
Jemand ist eine doppelzüngige Person


4 An einem Fuß einen Schuh, der andere barfuß
Gleichgewicht ist entscheidend


5 Scher sie ab, doch schinde sie nicht
Opfere nicht für einen kurzfristigen Vorteil die Erträge der Zukunft;
suche nicht um jeden Preis deinen Vorteil

oder:

5 Man muss das Schaf scheren, um seine Wolle zu haben
Man muss eine Arbeit tun, um den Lohn zu erhalten


15 Sich an der Seite des Geldbeutels festhalten
Liebe hängt auf der Seite des Geldbeutels; sich an finanziellen Vorteilen orientieren


17 Er geht von einem Brot zum anderen
Mit seinem Geld nicht auskommen

Für das vertiefende Entdecken von Details in den Werken Bruegels hilft eine im Rahmen eines großangelegten Forschungsprojektes sehr interessante Website - "Inside Bruegel“.

Auf dieser Website lässt sich vertiefend Einblick in einige aus der Sammlung des Kunsthistorischen Museum Wiens wesentliche Werke Bruegels gewinnen und grundlegende Details sowie Herangehens- und Malweisen Bruegels erkennen.

Unter Zuhilfenahme unterschiedlicher „Lupen“ wie der Makrofotografie, Makroinfrarotfotografie, Infrarotreflektografie oder Röntgen lassen sich eine besondere Auswahl an Bruegel-Klassikern mit einer jeweils auf unterschiedliche Details aufmerksam machenden Methode erforschen.

http://www.insidebruegel.net/

„Inside Bruegel“ eröffnet einen kostenfreien Zugang auf hochaufgelöste digitale Bilder zu zwölf seiner ganz besonderen Gemälde.

Das Projekt entstand in Kooperation mit der Getty Foundation, die mit ihrer Panel Paintings Initiative vor allem KonservatorInnen sowie gleichzeitig auch als Ausbildungsprojekt aufgesetzt jungen RestauratorInnen eine intensive Auseinandersetzung mit ausgewählten Werken ermöglicht.

Der Fokus setzt auf die systematische Untersuchung des Schaffensprozesses, Materialwahl und diverse Maltechniken sowie die Veränderung der jeweiligen Werke über die letzten Jahrhunderte. Sehr spannende Erkenntnisse resultierten aus diesem Verfahren und können so erstmals einer Öffentlichkeit erzählt und vermittelt werden.

Die langfristige Forschungsinitiative über das Kunstschaffen Pieter Bruegels d. Ä. legt das Hauptaugenmerk auf Tafelkonstruktion, Maltechnik, Materialgeschichte, die kunsthistorische Aufarbeitung und Provenienz der Werke.

Die unterschiedlichen „Lupen“:

In der Gemäldeuntersuchung nutzt man die Infrarotfotografie und Infrarotreflektografie, um unter die Oberfläche der Gemälde zu schauen und Unterzeichnungen unter den Malschichten sichtbar zu machen.

Röntgenaufnahmen, um den Bildträger, also beispielsweise das bemalte Holz, die Grundierung und die verwendeten Farbpigmente zu untersuchen. Röntgenfluoreszenzanalyse, um die qualitative und quantitative Bestimmung der elementaren Zusammensetzung zu ermöglichen. Dies trägt auch zur Bestimmung der verwendeten Farbpigmente bei.
3D-Kartierung, um die Gemälde genauestens zu vermessen und räumlich darzustellen.

Die Kombination der Ergebnisse aus all diesen Untersuchungen machen Bruegels Arbeitsweise nun viel besser nachvollziehbar. So wurden zum Beispiel Veränderungen an Bruegels Bildkompositionen erkannt, die der Künstler auch noch im weit fortgeschrittenen Malprozess gemacht hat.

Leicht lässt es sich so in die detailreichen Szenen Bruegels „zoomen“, um auf Besonderheiten und Feinheiten seiner Kunstfertigkeit zu stoßen.

Die Möglichkeit mit diesen Hilfsmitteln in die vielen kleinstteiligen Szenen im Werke Bruegels einzutauchen, soll neben Experten auch Kunstinteressierte inspirieren eigene Forschungsmomente zu erleben und in diversen Szenen besondere Details zu entdecken.

Das 1565 entstandene Gemälde „Die Jäger im Schnee“

Jäger im Schnee
Die Jäger im Schnee, aus der Sammlung des Kunsthistorischen Museum Wiens

Durch Verwendung des Rasters „Makrofotografie“ lassen sich auch bloß 1cm große Kleinstszenen und Vignetten (siehe unten) verfolgen, wie etwa das Hintergrundmotiv eines Jägers, der auf Enten schießt.

Jäger im Schnee, Detailaufnahme


Hochauflösende Aufnahmen ermöglichen das Fokussieren auf einen Teil des Gemäldes.

Mit Infrarotreflektografie

Ausgewählte Details werden parallel in sichtbarem Licht, Infrarotreflektografie und Röntgenaufnahmen dargestellt.

Mit Röntgentechnik

In diesem Beispiel können BetrachterInnen erkennen, dass der vordere Jäger nicht Teil der ursprünglichen Konzeption war. Bruegel setzte ihn auf den bereits gemalten Schnee und Baumstamm auf. Er wurde also erst in einem recht fortgeschrittenen Bildstadium hinzugefügt. Gerade diese Figur fungiert als Repoussoir (siehe unten), denn sie leitet den/die BetrachterIn in das Bild(geschehen) hinein.

Begriffe der Kunstgeschichte

Vignette

Das Wort Vignette leitet sich von „vigne“ der Weinrebe ab und bezeichnet ursprünglich die Kennzeichnung einer Rebsorte am Rande eines Weinbergs und das Etikett einer Weinflasche.
Weiters bedeutet es „Randverzierung“ und „Abzeichen“. Als solches hat es auch Eingang in den heutigen Sprachgebrauch gefunden, wenn wir zum Beispiel an die KFZ Vignette denken. Es lässt sich eben auch als ein Synonym für „Aufkleber“ oder „Siegel“ verstehen. Als Etikette auf der Weinflasche hat sich „Vignette“ auch als Beschreibung für die Randverzierungen auf Druckwerken etablieren können.

In der Porträt-Malerei bedeutet der Begriff Vignette die oft ovale Anfertigung von Miniaturgemälden, die zum Beispiel als Amulett oder als Teile anderer Schmuckstücke getragen wurden. In der heutigen Begriffswelt, wie zum Beispiel als Filteroption von Kameras diverser Smartphone-Programme findet sich Vignette als Bildfilter, der zu den Rändern hin unschärfer wird und Hintergrundelemente am Rand eines Bildes oder Fotos verschwinden lässt. Diese Technik wurde auch schon im 19. Jahrhundert häufig verwendet und auch so bezeichnet.

Repoussoir

Wie bei dem Gemälde „Die Jäger im Schnee“ dargestellt, bezeichnet man den später dazu gemalten Jäger als Repoussoir. Das Wort stammt aus dem Französischen und bedeutet „zurücktreiben“ – repousser. Als künstlerische Technik beschreibt es ein im Vordergrund eines Gemäldes oder heutzutage auch einer Fotografie platziertes Objekt, das sowohl durch übergroße Darstellung als auch durch meist dunkle Farbigkeit (siehe Vignette) im Verhältnis zum Rest der dargestellten Objekte eine Verstärkung des Tiefeneindrucks bewirkt.

Im Gemälde „Die Jäger im Schnee“ ist ein sehr interessantes Detail, das durch die Röntgenanalyse hervorkommt, dass das „Repoussoir“, in diesem Fall der vordere Jäger im Bild nicht Teil der anfänglichen Bildgestaltung war. Figurale Randerscheinungen, die die alleinige Funktion haben, den Blick des Betrachters in die Tiefe zu ziehen, werden als „Repoussoir-Figuren“ bezeichnet. Eine solche stellt der vordere Jäger wohl dar. Er nimmt uns mit in die Tiefe der Bilderzählung.

Diese technischen Tricks sind typisch für Renaissance-Malerei und sollen Raumtiefe vermitteln.