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Dienstag, 28. Mai 2019


Mittwoch, 20. November 2019 um 10:26:36 von Kulturpool Redaktion

30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs

Anlass
Anlass: 30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs

Eindrücke, Erinnerungen, Verlinkungen zum Fall des Eisernen Vorhangs vor 30 Jahren

Vor genau 30 Jahren prägte ein Ereignis eine ganze Generation: Der Fall des Eisernen Vorhangs. Eine Ansammlung von Begriffserklärungen und Links möge inspirieren und diesen historischen Moment aus verschiedenen Betrachtungswinkeln wieder in Erinnerung bringen. Die Nutzung der digitalen Plattformen Europeana und Kulturpool als auch über weiterer Links mag ein Bild von der Bedeutung der Ereignisse im Jahr 1989 geben.

Die virtuelle Bibliothek Europeana ruft im Rahmen einer Blog – Parade, bei der sich jeder durch Einbringung eigener Erfahrungen, Erinnerungen oder auch durch Einbindung digitalisierter Bilder beteiligen kann, zu einer Sammlung persönlicher Erfahrungen zum Thema „Der Fall des Eisernen Vorhangs“ auf.

EUROPEANA – BLOG PARADE!

https://blog.europeana.eu/2019/08/remember1989-and-the-fall-of-the-iron-curtain-by-joining-our-blog-parade/

Zum Begriff einer “Generation”:

von lat. generátio „Nachkommenschaft“, dem Abstraktum von lat. generáre „erzeugen“. (Kluge)

Für die Soziologie hat Karl Mannheim 1928 im Rahmen seiner Wissenssoziologie einen prägenden und auch auf andere Wissenschaften ausstrahlenden „Generationen“-Begriff vorgelegt, der nicht die zuvor üblicherweise genannten 30 Jahre umfasst, sondern durch gemeinsame „Generationserlebnisse“ charakterisiert wird, also prägende Ereignisse in Kindheit und Jugend, die einen Einfluss auf ganze Geburtsjahrgänge haben.
Im soziokulturellen Verständnis ist eine Generation eine große Gruppe von Menschen, die als „Altersgruppe“ in ihrer Gesellschaft oder aufgrund der gemeinsamen Prägung durch eine spezifische historische oder kulturelle Konstellation eine zeitbezogene Ähnlichkeit aufweisen. (Wikipedia)


"Eiserner Vorhang"
Fotografie Herbert Kofler
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Der EISERNE VORHANG, die Grenzziehung

Der Eiserne Vorhang schuf eine lange und schwere Trennungslinie durch ganz Europa. Politisch, ideologisch, wirtschaftlich, sprachlich auf sehr vielen Ebenen wurden Regionen geteilt und durch Mauern auf vielen Ebenen getrennt.
Der Begriff „Eiserner Vorhang“ fand seinen Weg in die Begriffswelt des Kalten Krieges unter anderem geprägt durch eine Rede des damaligen britischen Premierministers Winston Churchill in Fulton, Missouri, im Jahr 1946:

“From Stettin in the Baltic to Trieste in the Adriatic an Iron Curtain has descended across the Continent. Behind that line lie all the capitals of the ancient states of Central and Eastern Europe. Warsaw, Berlin, Prague, Vienna, Budapest, Belgrade, Bucharest and Sofia; all these famous cities and the populations around them lie in what I must call the Soviet sphere, and all are subject, in one form or another, not only to Soviet influence but to a very high and in some cases increasing measure of control from Moscow.”

„Von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria hat sich ein Eiserner Vorhang auf Europa herabgesenkt. Dahinter liegen all die Hauptstädte der alten Staaten Mittel- und Osteuropas. Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia. Diese berühmten Städte und die Bevölkerung ringsum liegen alle im sowjetischen Wirkungskreis, so muss ich es nennen, und unterliegen, auf die eine oder andere Weise, nicht bloß sowjetischem Einfluss, sondern zu einem sehr hohen und in einigen Fällen zunehmendem Maße der Lenkung durch Moskau.“


"Verlauf des Eisernen Vorhangs"
Europa-Karte, Kurier

Der "Eiserne Vorhang" etablierte sich in seiner Entstehungsgeschichte als Metapher für die Blockbildung im Sinne der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Abschottung der staatssozialistischen Länder Mittel- und Osteuropas nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und wurde in diesem ideologischen Kontext auf westlicher Seite verwendet.

Der "Eiserne Vorhang" wird in diesem Zusammenhang als einer der „unverzichtbaren Begriffe im Vokabular des Kalten Krieges“ beschrieben. Untrennbar verbunden ist die Metapher mit der – in Zeiten des "Kalten Kriegs" im Westen geläufigen – Bezeichnung für die technischen Grenzbefestigungen, die die staatssozialistischen Länder (mit Ausnahme Jugoslawiens) vom Rest Europas trennten. Diese wurden seit Ende der 1940er-Jahre errichtet, existierten bis Ende der 1980er-Jahre und fanden insbesondere in die kartographische Darstellung Europas Eingang. Kartographische Visualisierungen der Systemgrenzen wurden vor allem in Schulbüchern und (Schul-)Atlanten gezeigt, dieses "Mapping Europe" war somit Bestandteil des Kanons der visuellen Repräsentationen.

Demokratiezentrum http://www.demokratiezentrum.org/index.php?id=1580


"Landkarte Europas"
Demokratiewebstatt der Parlamentsdirektion

https://www.demokratiewebstatt.at/thema/thema-die-oeffnung-des-eisernen-vorhangs/oesterreichs-rolle-im-geteilten-europa/die-grenze-zu-oesterreich/

Auf diese Art markierten die Landkarten Europas auf bildliche Weise die klar gezogene Differenz zwischen Systemgrenzen, also die Grenze zwischen den Bündnisblöcken in Europa. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und dem "Fall des Eisernen Vorhangs" ging der Begriff als Bezeichnung für das Grenzsystem in den gesamteuropäischen Sprachgebrauch über.

Ursprüngliche Bedeutung "Eiserner Vorhang"

In seiner originären Bedeutung charakterisiert der eiserne Vorhang einen feuersicheren und rauchdichten Vorhang im Theater, der bei Feuergefahr die Bühne gegen den Zuschauerraum abschließt.


"Wien I, Burgtheater, Mauer unter dem Eisernen Vorhang, Grundrisse und Aufriß"
Grundriss Carl von Hasenauers (1833 - 1894 Wien)
Aus der Sammlung der Albertina, Wien

Eiserner Vorhang des Wiener Burgtheaters


"Wien 1, Akademietheater Eiserner Vorhang."
Entwurf von Zülow: Wiener Heldenplatz von der Hofburgloggia gegen das Rathaus, 1911
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Eiserner Vorhang des Wiener Akademietheaters

Weitere Verwendungen des Begriffes "Eiserner Vorhang"

Zwar prägte Churchill den "Eisernen Vorhang" als politische Metapher, diese wurde allerdings als Synonym für eine unüberwindbare politische Grenze bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in mehreren literarischen Werken erwähnt, wobei vor allem die Schriftsteller Philipp Snowdon, Vasily Rozanov und Lev Nikulin den Begriff mit den Folgen der russischen Revolution und dem bolschewistischen Russland versus Europa kontextualisierten. Im Zusammenhang mit einer wachsenden sowjetischen Einflusszone in Europa wurde der Eiserne Vorhang mehrmals in der NS-Zeitung „Das Reich“ sowie in einem darin veröffentlichten Artikel Joseph Gobbels’ 1945 verwendet.
Texte: Petra Mayerhofer, Demokratiezentrum

Der "Eiserne Vorhang" als hochgerüstete Grenzsperre wurde ab Ende der 1940er-Jahre an den Grenzen Ungarns zu Österreich, der damaligen Tschechoslowakei zur damaligen BRD und zu Österreich, Bulgariens zu Griechenland und zur Türkei und an der damaligen innerdeutschen Grenze von der DDR errichtet. In Skandinavien war die Grenze zwischen der damaligen Sowjetunion und Norwegen beziehungsweise Finnland zwar geschlossen und streng bewacht, es gab aber keine Grenzanlagen wie in Mittel- und Südosteuropa.


"Grenzöffnung Österreich - Ungarn"
Linschinger, Franz
Der Rest vom Eisernen Vorhang bei Hegyeshalom, 1989
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Hierbei ist zu erwähnen, dass ab 1949 auch die Grenzen zwischen den einzelnen staatssozialistischen Ländern geschlossen, aber nicht befestigt wurden. Die technischen Abriegelungen entlang der Grenze wurden je nach Staat Ende der 1940er-Jahre, zu Beginn der 1950er-Jahre gebaut, zum Beispiel wurden in Ungarn 1948 die Grenze und die Grenzzone gesperrt, ab 1949 wurden Drahthindernisse errichtet und Minenfelder gelegt.


"Triebwagen der ÖBB"
Harry Weber
Triebwagen der ÖBB Baureihe 5041 (ex BBÖ VT 41/DRB C4ivT 880--889) fährt nach Schattendorf-Loipersbach durch die Grenzsicherungen.
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek


"Eiserner Vorhang, 1952"
Herbert Kofler
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek sowie der Europeana

Der Mauerbau

Die innerdeutsche Grenze wurde mit Stacheldrahtverhauen, Sichtblenden, Minenfeldern, Hundelaufanlagen und Selbstschussautomaten versehen, in Berlin trennte ab 1961 die Berliner Mauer den West- und den Ostteil der Stadt.


"Berlinermauer, Bethaniendamm "
From Wikimedia Commons, the free media repository

In der Nacht von 12. auf 13. August 1961 begannen Grenzpolizisten der DDR (Deutsche Demokratische Republik) Straßen und Geleise in die Westzonen Berlins abzuriegeln, Verkehrsverbindungen zu unterbrechen, an einigen Stellen Mauern zu errichten und quer durch die Stadt Stacheldraht zu ziehen. Es entstand eine drei Meter hohe Mauer quer durch und rund um West-Berlin.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt, ebenso die Hauptstadt Berlin, die von den USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion gemeinsam verwaltet wurde. Doch von Anfang an gab es Spannungen zwischen den alliierten Siegermächten – vor allem zwischen den USA und der Sowjetunion – die schließlich zum Kalten Krieg führten.
1949 entstanden im besetzten Deutschland zwei Staaten: Die drei West-Zonen gründeten die Bundesrepublik Deutschland (BRD) mit der Hauptstadt Bonn. Die sowjetisch besetzte Ost-Zone errichtete die Deutsche Demokratische Republik (DDR), die, obwohl sie die Demokratie in ihrem Namen trug, von der obersten Partei- und Staatsführung diktatorisch geführt wurde. Die DDR machte Ost-Berlin zu ihrer Hauptstadt. Der Westteil der Stadt stand weiterhin unter dem Schutz der westlichen Siegermächte USA, Frankreich und Großbritannien.
Zu Beginn der Teilung Deutschlands konnten die Menschen die Grenze zwischen der DDR im Osten und der BRD im Westen ungehindert überqueren. In Berlin kam es vor, dass manche Menschen im Ost-Teil der Stadt wohnten und im West-Teil arbeiteten oder umgekehrt.

Während die BRD einen steilen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte und es den Menschen im Westen gut ging, kämpfte die DDR mit wirtschaftlichen Problemen. Viele beschlossen daher, die DDR zu verlassen und für immer im Westen zu bleiben. Das war für die DDR ein Problem, denn es fehlten mehr und mehr Arbeitskräfte. Die oberste Partei- und Staatsführung der DDR beschloss daher, die Menschen daran zu hindern, das Land zu verlassen. Sie errichtete entlang der Grenze Sperranlagen: Wachtürme wurden gebaut und Soldaten stationiert, Minen verlegt und Selbstschussanlagen aufgestellt. Wer die Grenze überqueren wollte, riskierte sein Leben.

Mit dem Bau der Berliner Mauer wurde das letzte „Schlupfloch“ zwischen dem Osten und dem Westen dicht gemacht. Durch die Berliner Mauer war der Osten Berlins total vom Westen abgeriegelt. Aus dem Osten führte kein Weg mehr in den Westen. Dennoch versuchten viele Menschen aus der DDR in den Westen zu fliehen. An der Berliner Mauer starben in den Jahren 1961 bis 1989 136 Menschen.

Texte: Demokratiewebstatt, Weiterführendes auf " https://www.demokratiewebstatt.at "

Grenzbefestigungen, Ungarn Aufstand, Andau

Bilder dieser Grenzbefestigungen zeigen ein Abriegelungssystem, welches bis 1989 technisch ausgebaut wurde. Bis in die 1980er-Jahre wurden die Hürden immer ausgefeilter, ein elektronisches Signalsystem, Stolperdrähte, Signalraketen, Detektoren, Suchhunde, Nachtsichtgeräte, Infrarotsignalapparate und Hubschrauber wurden eingesetzt, um Flüchtende aufzuhalten. Um das technische Abriegelungssystem des "Eisernen Vorhangs" gab es eine Grenzzone, die Personen nur mit Sondererlaubnis zugänglich war. Der "Eiserne Vorhang" teilte somit Städte, schlug Schneisen durch Landschaften und stellte aufgrund seiner Existenz eine „Hervorbringung einer Differenz im Raum“ dar. Der Ost-West-Konflikt wurde durch die Existenz des Grenzsystems im öffentlichen Raum offensichtlich vor Augen geführt.


"Am Eisernen Vorhang"
Niemandsland auf der ehemaligen Bundesstraße von Laa an der Thaya nach Hevlin. Tschechischer Grenzpolizist zwischen den Sperren.
United States Information Service (USIS)
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Art und Weise der Grenzbefestigung durchliefen allerdings je nach Staat und weltpolitischen Determinanten Phasen der Abrüstung wie der Aufrüstung. Die Grenzverläufe waren unterschiedlich stark mit Abriegelungsanlagen befestigt, was dazu führte, dass Fluchtwillige versuchten, in anderen sozialistischen Ländern den "Eisernen Vorhang" zu überwinden.

Gelockerter Eiserner Vorhang, Europeana, 9. Juni 1964
https://www.europeana.eu/portal/en/record/2022039/11088_de_bo133_62206.html?q=Eiserner+Vorhang#dcId=1574148355723&p=1
Link zu Europeana, im Dokument auf Seite 2 nachlesbar

Bis 1975 war die Reisefreiheit zwischen den Systemgrenzen extrem eingeschränkt, eine Ausreise in den Westen nicht möglich, eine Einreise in den Osten wurde nur gegen Vorlage von Devisen gestattet. Erst nach der KSZE-Schlussakte der Konferenz in Helsinki 1975 wurde eine Emigration aus dem Osten aus familiären und humanitären Gründen erlaubt, Ausreisewillige mussten einen diesbezüglichen Antrag stellen, wurden aber als undankbare Feinde des Staates angesehen. Fluchtversuche wurden angesichts der ständigen Modernisierung und Erweiterung der Grenzanlage immer schwieriger, beispielsweise wurden an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn zwischen 1966 und 1988 13.500 Fluchtversuche registriert, lediglich 300 Ungarn und Ungarinnen gelang die Flucht. Fluchtversuchen wurde mit stetigem Ausbau und fortlaufender Modernisierung der Grenzanlagen begegnet. Beispielsweise wurde entlang der ungarisch-österreichischen Grenze aufgrund von Versuchen, einen Tunnel unter den elektronischen Zaun zu graben, ab 1975/76 dieser unterirdisch zubetoniert, eine Art „Ungarische Mauer“ entstand.


"Ungarn 1956"
Flüchtlinge aus Ungarn im Grenzort Andau.
Fotografie, Harry Weber
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Als Symbol einer geglückten Überwindung des "Eisernen Vorhangs" gelten die Bilder von der Massenflucht im Zuge des Ungarn-Aufstandes 1956. Am 4. November 1956 setzte eine Massenfluchtbewegung ein, insgesamt kamen rund 200.000 Flüchtlinge nach Österreich. Rund 70.000 Ungarn kamen durch den „Einser-Kanal“, einen schmalen Durchfluss zum Neusiedlersee, in der Nähe des österreichischen Ortes Andau nach Österreich. Über den Einser-Kanal erstreckte sich – noch auf ungarischem Hoheitsgebiet – auch die „Brücke von Andau“, ein Holzgerüst, das am 21. November 1956 von sowjetischer Seite gesprengt wurde, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen.


"Ungarn 1956"
Notquartier für geflüchtete Ungarn in der Volksschule von Andau nach der Niederschlagung des Volksaufstandes.
United States Information Service (USIS), 1956
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Der Mythos „Brücke von Andau“ im Sinne eines Tores in die Freiheit korrespondierte mit dem traditionellen Selbstbild der beiden mitteleuropäischen Staaten Ungarn und Österreich im Sinne einer Verbindung zwischen Westen und Osten.

Texte: Petra Mayrhofer, Demokratiezentrum
Weiterführende Texte und Bilder auf "http://www.demokratiezentrum.org/themen/europa/europa-im-wandel-1989-und-die-folgen.html"

Berliner Art Week AUSSTELLUNG im Gropius Bau - Durch Mauern gehen

Zum 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer untersucht die Gruppenausstellung Durch Mauern gehen auf Teilung und Spaltung basierende Machtstrukturen und richtet den Blick auf die damit verknüpften Erfahrungen und Auswirkungen auf individueller und kollektiver Ebene.

Diese künstlerische Auseinandersetzung findet derzeit im Gropius Bau in Berlin statt, die im September im Rahmen der Berliner Art Week eröffnet wurde und bis 19. Jänner zu sehen ist.

Die Ausstellung versammelt Arbeiten von 28 internationalen Künstlerinnen und Künstlern und umfasst eine Vielzahl von Medien wie Malerei, Skulptur, Fotografie, Film, Audioinstallation, ortsspezifische Intervention und Performance.

Mit Arbeiten von Marina Abramović und Ulay, José Bechara, Sibylle Bergemann, Tagreed Darghouth, Jose Dávila, Willie Doherty, Smadar Dreyfus, uvm.


"Durch Mauern gehen"
Foto: Dominik Nostitz
Ausstellung "Durch Mauern gehen" im Gropius Bau, Berlin


"Durch Mauern gehen"
Foto: Dominik Nostitz
Ausstellung "Durch Mauern gehen" im Gropius Bau, Berlin


"All along the Watchtower"
von Nadia Kaabi - Linke
Foto: Dominik Nostitz
Ausstellung "Durch Mauern gehen" im Gropius Bau, Berlin


"All along the Watchtower"
Ausstellungstext zu all along the Watchtower von Nadia Kaabi - Linke
Foto: Dominik Nostitz
Ausstellung "Durch Mauern gehen" im Gropius Bau, Berlin

https://www.berlinerfestspiele.de/de/berliner-festspiele/programm/bfs-gesamtprogramm/programmdetail_274530.html

Diverse Links und Berichte

Bericht im Chronikteil des Kuriers:
https://kurier.at/chronik/burgenland/juni-1989-wie-menschen-an-der-grenze-die-ereignisse-erlebten/400530916
Karte EUROPE Eiserner Vorhang _ Kurier

Mit dem RAD entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs

Bericht im Standard:

Iron Curtain Trail Karte, DerStandard
https://www.derstandard.at/story/2000005313905/elektrifiziertes-rad-statt-eiserner-vorhang
Website des beschriebenen Projekts:
https://www.eurovelo.at/ev13.html

Oder auch leicht skuril anmutende Erfahrungen in einem Grenzgefängnis..
In Tschechien gibt es das Museum des Eisernen Vorhangs
http://www.muzeumopony.cz/de/

Aus der Fotosammlung des Weltmuseums


"Bucharische Juden"
„Bucharische Juden“ aus der Serie „Ansichten und Volkstypen aus Transkaspien“
Alexander Karlowitsch Engel, Datierung vor 1891, (Frühestes Datum 1871, Spät. 1890)
Aus der Fotosammlung des Weltmuseum Wiens

Ende des 19. Jahrhunderts fallen nur wenigen europäischen Reisenden nach Russisch-Zentralasien die dort lebenden Juden auf. In vielem haben sie sich, geltender Bekleidungsvorschriften zum Trotz, den sie umgebenden Tadschiken und Usbeken angepasst. Zu Hause in den eigenen Wohnvierteln lebt man jüdisch, in der Öffentlichkeit nicht. Die Einrichtungsgegenstände für ihre Häuser kaufen die Juden bei den muslimischen Handwerkern auf den städtischen Basaren. Muslime lassen sich bei jüdischen Wunderheilern behandeln. Ihren Glauben leben die bucharischen Juden diskret. Der Name der Stadt Buchara, ihres geistigen Zentrums, wird zum Sammelbegriff für die Juden Zentralasiens.

Der Legende nach kehrt nach dem Ende der babylonischen Gefangenschaft im 8. vorchristlichen Jahrhundert ein Teil der Juden nicht ins Heilige Land zurück. Stattdessen ziehen sie über Persien nach Zentralasien, wo sie sich entlang der Seidenstraße niederlassen. Persisch wird ihre neue Muttersprache; das Hebräische bleibt auf das Rituelle beschränkt. Mehr als 2.000 Jahre leben sie nahezu abgeschnitten vom Rest der jüdischen Welt. Mit der Zeit schwindet auch das Wissen über die religiösen Regeln, bis 1793 der aus Marokko stammende Rabbiner Yosef ben Moshe Maimon in Buchara hängenbleibt und den dortigen Juden Nachhilfe leistet. Er lässt für sie Bücher kommen und lehrt sie die Riten der Sephardim, der Nachfahren der 1492 aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zwingen prekäre ökonomische Verhältnisse, mangelnde Perspektiven und fehlende Heiratspartner die bucharischen Juden zum Exodus nach Israel, in die Neue Welt oder nach Europa. In den Städten Zentralasiens leeren sich die Synagogen und verfallen. Die größte europäische Gemeinde der bucharischen Juden lebt heute in Wien. Sie zählt an die 2.000 Mitglieder.

Von der Mauer zur Kette - Der Balitsche Weg - The Baltic Way: the day holding hands changed the world

Eine der spannendsten friedlichen Demonstrationen in der Geschichte der Menschheit war wohl der „Baltische Weg“.
Am 23. August 1989 bildeten zwei Millionen estische, lettische und litauische Hände die längste menschliche Kette der Geschichte. Die Baltische Kette oder der Baltische Weg (litauisch Baltijos kelias, lettisch Baltijas ceļš, estnisch Balti kett, Letzteres wörtlich Baltische Kette) war 650 Kilometer lang und verlief durch die Baltischen Staaten und Hauptstädte – Tallinn in Estland, Riga in Lettland und Vilnius in Litauen. Es war die größte friedliche Demonstration in der Geschichte der Sowjetunion, die den 1939, 50 Jahre zuvor entstandenen Molotov – Ribbentrop Pakt zwischen Hitler und Stalin, der zur Besetzung der Baltischen Staaten führte, anprangerte. Der Baltische Weg symbolisierte den Wunsch nach Freiheit, zeigte deutlich die Bereitschaft zu Solidarität unter den Baltischen Ländern und war ein sehr deutliches Signal nach dem Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit.

Litauen erklärte als erstes Land seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion.
Der 23. August ist der offizielle Tag „Black Ribbon Day“ oder der Europäische Tag an die Erinnerung der Opfer des Stalinismus und Nationalsozialismus.

Es ist der europäische Gedenktag an die Opfer von totalitären Diktaturen in Europa im 20. Jahrhundert.
Am 23. September 2008 haben 409 Mitglieder des Europäischen Parlaments eine Erklärung zur Unterstützung der Errichtung des Gedenktages unterzeichnet. Am 2. April 2009 wurde eine Entschließung zur Ausrufung des Tages mit 533 Stimmen (44 contra und 33 Enthaltungen) angenommen.
http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?reference=P6_TA(2008)0439&language=DE

Jeder vierte aus den Baltischen Ländern nahm am Baltischen Weg teil, oft gleich mehrere Generationen aus einer Familie.
Dokumente des Baltischen Weges wurden in das Weltdokumentenerbe der UNESCO 2009 aufgenommen.


Der Baltische Weg
Foto Frank Drauschke
Aus der Sammlung der Europeana

Im August 1989 trampte Frank Drauschke durch das Baltikum und erfuhr auch von der geplanten Menschenkette von Tallinn über Riga nach Vilnius. Da er zu diesem Zeitpunkt in Lettland war, fuhr er nach Riga und nahm am 23. August 1989 am Baltischen Weg im Zentrum von Riga teil. Seine Fotos zeigen die Menschenkette und die darauf folgende Demonstration am Freiheitsdenkmal in Riga. Später erfuhr er, dass seine erste freie Demonstration auch die größte friedliche Demonstration in der Geschichte gewesen war. Über 2 Millionen Menschen reichten sich am 23. August 1989 um 19 Uhr die Hand und bildeten eine Menschenkette auf einer Strecke von über 600 km durch alle drei baltischen Staaten, die damals noch Sowjetrepubliken waren. Das Signal für die Kette wurde über das Radio gegeben. Sie demonstrierten zum 50. Jahrestag des Hitler-Stalin Paktes für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit von Estland, Lettland und Litauen.
Europeana 1989 - Berlin, 12-13.09.2014

https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/der-baltische-weg-1660320

Menschenkette als Demonstrationssymbolik:
Nach 30 Jahren wiederholt sich Geschichte in gewissen Teilaspekten, bzw. unter Heranziehung von Erfahrungen vorhergehender Demonstrationen wie heuer im Libanon.

https://orf.at/stories/3142302/

Samstag, 2. November 2019 um 10:21:04 von Kulturpool Redaktion

Erweiterte Anbindung aus dem MAK

Anlass
Anlass: Erweiterte Anbindung der MAK Sammlungen

Erweiterte Anbindung der MAK Sammlungen

Das MAK ist ein Museum für Kunst und Alltag. Ein Museum und Labor für angewandte Kunst an der Schnittstelle zu Design, Architektur und Gegenwartskunst. Es ist ein Ort der Begegnung, Interaktion und Interkreativität. (Eigendefinition laut Website)

Die neu aufbereitete und erweiterte Anbindung der Sammlungen des MAK veranlasst zu einem virtuellen Spaziergang durch diesen Ort der digitalen Begegnung. Die Vielfalt der sich darin befindlichen Objekte wird schnell ersichtlich aus den neun angebundenen Sammlungs-Kategorien. Aus fast 250.000 Objekten lässt sich einiges über die Sammlungsausrichtungen des MAK erfahren. Bei dem vorliegenden „Artenreichtum“ empfiehlt sich durchaus ein zielloses Wandern und Kennenlernen der digitalisierten Objekte unterschiedlichster Provenienz und Eigenschaften, die jeweils ihre eigene Geschichte erzählen.

Die Objektkategorien aus den erweiterten Anbindung im Überblick:

 Asien

 Bibliothek und Kunstblättersammlung

 Design

 Gegenwartskunst

 Glas und Keramik

 Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv

 Möbel und Holzarbeiten

 Spezialarchiv - HELMUT LANG

 Textilien und Teppiche

Aus jeder Sammlung ein bis zwei willkürlich entdeckte Objekte, mit der Idee deren Geschichte ein wenig kennenzulernen, durch physisches oder virtuelles Nachschlagen vertiefendes Wissen zu finden oder einfach durch Betrachten die eigene Fantasie zu aktivieren:

1) Asiensammlung


"Go Spieler"
Zwei Männer beim Go-Spiel, Japan, Anonym
Aus der Asiensammlung


"Giebelfeld“
Giebelfeld aus 16 Fliesen
Aus der Asiensammlung

„Das aus 16 Fliesen zusammengesetzte Giebelfeld stammt aus dem Palast des Großwesirs Piale Pascha (um 1515 – 1578) oder aus der von ihm gestifteten Moschee. Beide wurden 1573 vollendet und waren überreich mit Fliesenfeldern dekoriert. Vor Spiralmotiven dominiert im so genannten "Tomatenrot" ein Glück verheißendes Knotenmotiv aus Wolkenbändern. Palast und Moschee wurden nach einem Erdbeben 1890 "renoviert" und Fliesenfelder über Händler weltweit verkauft: Mindestens neun idente Tympana befinden sich heute in europäischen und amerikanischen Museen.“


"Doumu“, Himmelsmutter und Göttin des Polarsternes
Anonym, Dehua, 1701-1722
Aus der Asiensammlung

Ikonographisch wird Doumu normalerweise mit acht Armen und vier Gesichtern dargestellt, deren jedes in eine Himmelsrichtung sieht. Sie spielen auf die Funktion der Göttin als allgegenwärtige und tatkräftige Helferin an. In den Händen hält sie Sonne und Mond, die Pfirsiche der Unsterblichkeit, ein Schwert und andere Symbole; manchmal wird sie auch mit einem Eberkopf dargestellt. Sie wird häufig zusammen mit Xiwangmu und einer Erdgöttin abgebildet, als Symbol der daoistischen Triade und der kosmischen Harmonie. (Definition laut Wikipedia)


"Gott des langen Lebens“
Shoulao / Shou lao (Gott des langen Lebens) mit Hirsch, Kranich und Schildkröte in zwei Teilen
Aus der Asiensammlung

Der Gott des langen Lebens findet sich auch in der heutigen Comic-Literatur wieder.


"Shou Lao“ (Aus dem Netz, Wikipedia)
Shou-Lao ist eine fiktive Figur, die in amerikanischen Comic-Büchern erscheint, die von Marvel Comics veröffentlicht werden.
Ein unsterblicher Drache, dessen Herz Menschen die Kraft der Eisernen Faust verleihen kann. Nach einer tödlichen Niederlage wird er wieder neu geboren.

 2) Bibliothek und Kunstblättersammlung


"Byzanz"
Kopie der Rückseite eines byzantinischen Bucheinbandes (10./11. Jahrhundert) mit Email cloisonné und Edelsteinbesatz sowie der Darstellung der Hl. Maria mit dem Erzengel Michael, Johannes dem Täufer, Johannes Chrisostomus, den drei kappadokischen Kirchenvätern Gregorius von Nazianz, Nikolaus, Basileios, zwei Aposteln, den Eltern des Täufers und der Hl. Maria aus der Biblioteca Nazionale Marciana zu Venezia (Lat III, 100) von Ignaz Schönbrunner
Aus der Bibliothek und Kunstblättersammlung

 3) Design


"Netzschlauch"
Kompostierbarer Netzschlauch für Frühkartoffeln, weiß
Aus der Design Sammlung


"Terracooler"
Augustin, Stephan (Entwurf) (München)
Mehr als ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt ohne Anschluss an das Stromnetz, was bedeutet, dass keine Energieversorgung zum Betrieb elektrischer Geräte verfügbar ist. Das schließt auch Kühlschränke ein, sodass Lebensmittel und Pflanzen, die zur ausreichenden und gesunden Ernährung notwendig sind, schnell verderben und nicht mehr zur Verfügung stehen. Der TERRACOOLER ist ein universell einsetzbares ökologisches Kühlgerät. Die doppelwandige, glockenförmige Terrakotta dient der natürlichen Kühlung und Konservierung von Nahrungsmitteln. Die Innentemperatur kühlt gegenüber der Außentemperatur um etwa 25 bis 40 Prozent ab und macht die gekühlten Produkte bis zu zehnmal länger haltbar. Das Projekt wurde als „Donationware“ online veröffentlicht, das Design ist kostenlos und global verfügbar.
Aus der Design Sammlung

4) Gegenwartskunst

Wie bei einem Spaziergang ist abschweifen erlaubt und ein Blick in die Kunstseiten vertieft den Einblick. Den zwei Objekten aus der Sammlung Gegenwartskunst wurde jeweils ein relevanter Artikel aus einer Zeitung und einem Magazin beigefügt.


"Disziplinator"
Atelier Van Lieshout - Der Disziplinator: Geschlauchte Schaumstoffmenschen
Aus der Sammlung Gegenwartskunst

Joep van Lieshout wird immer grausamer. Fast harmlos macht sich rückblickend seine mittlerweile gescheiterte, wenige Monate tatsächlich funktionierende AVL-Ville in Rotterdam aus. Ebenso die Bombenbastel-Studios, mit denen er Politik und Exekutive auf den Plan rief. Alles ein Kaffeekränzchen gegen das, was er uns nun im MAK unterbreitet: "Disziplinator" heißt die eine Maschine, "Technokrat" die andere - und uns schwant jetzt schon Böses. In einem Käfig sollen, so der Plan, der in Wirklichkeit ja eh keiner ist, 72 Menschen Baumstämme mittels Feilen zu Sägespänen verarbeiten. Schlafen und essen müssen sie auch dort. Im MAK ist ein Prototyp für dieses System aus rohen Gerüsten und Holz gezimmert, auf möglichst wenig Raum sind Tische, Klos, Duschen und Betten untergebracht. Schlimmer noch der "Technokrat": Da sollen den Bedauernswerten auf einer Seite Fäkalien zwecks Biogasproduktion abgezapft, auf der anderen Nahrung zugeführt werden. Und das, während sie in harten "Betten"-Batterien liegen. Sinn und Zweck der Übung: Einen Kreislauf zu schaffen, der völlig autark funktioniert - der Mensch ist darin Rohstofflieferant und Konsument in einem. Interessant ist, dass es offensichtlich nicht reicht, diese dystopischen Systeme einfach zu skizzieren. Da machen sich riesige Container im MAK breit, Schläuche schlängeln sich durch die Hallen. Gleichzeitig gibt man ein wenig kokett vor, dass Ästhetik eigentlich unwichtig sei. Wäre es das, könnte sich Joep van Lieshout (der, braucht er doch einen Stab an Mitarbeitern für seine Projekte, längst nur noch unter der Dachmarke Atelier van Lieshout auftritt) mit Zeichnungen begnügen. Eine spröde, brutale Archaik versprüht das Design, das keines sein will, und irgendwo liegt dann auch noch ein Häuflein Schaumstoffmenschen herum. Die schockierenden Vorstellungen hinter AVLs Kreisläufen, deren Dysfunktionalität und Körperfeindlichkeit an die Junggesellenmaschinen der frühen Avantgarde denken lässt, mögen beeindrucken. Hatte Joep van Lieshout noch vor einigen Jahren die Hermetik und Rationalität affirmiert, so erscheinen diese Kategorien nun problematisch. Und damit Lieshouts frühere Arbeiten. Diese werden von der Grausamkeit der hier präsentierten gewaltig relativiert.
Nina Schedlmayer, 22.06.05, artmagazine.cc


"Die Kunst fängt beim Künstler an. Wo kein Künstler ist, kann auch keine Kunst sein. Es gibt nichts, was ohne Künstler Kunst wäre. Auch Photographie nicht. Nur durch den Künstler wird sie zur Kunst“
Frieberger, Padhi, Künstler (1964)
Aus der Sammlung Gegenwartskunst

Andrea Schurian schreibt einen Nachruf über Padhi Friedberger, 27. Jänner 2016, veröffentlicht im Standard:

"Kunst ist Angriff" war seine lebenslange Devise. Padhi Frieberger war der große Außenseiter der österreichischen Kunstszene: anarchisch, autonom, hochpolitisch. Radikal entzog er sich den Regeln des Kunstmarktes.

Fast möchte man glauben, das Wort "unangepasst" sei überhaupt erst eigens für ihn erfunden worden: Padhi Frieberger gehörte zwar zum innersten Kreis österreichischer Avantgarde. Doch er hielt eisern Sicherheitsabstand zur Kunstversteherbussigesellschaft, entzog sich radikal der Geschäftigkeit des Kunstmarktes, dessen Regeln und Gesetzen. Der Verführung des schnellen Erfolgs erlag er nicht. "In Wien gibt es eine Gruppe von Banausen, die akkurat Galerien betreiben, nur um die Moral zu zerstören, die die Moderne manifestiert hat. Die tun so, als ob. Das ist ein fortgeschrittener Zerstörungstrieb", sagte er beispielsweise in Fritz Kleibels Dokumentation Padhiland 1.
Seit den frühen 1950er-Jahren, als er an der Adria einen Kilometer lang Ufersteine blau, rot und weiß bemalte, um die "Reaktionen der Neurotiker" zu testen, wucherte und wuchs sein großes künstlerisches Werk. Autonom, anarchisch, hochpolitisch – und immer mit feinem Humor. Seine Kunst war ihrer Zeit stets um Jahrzehnte voraus. Frieberger, der 1954 mit Maria Lassnig zusammenlebte, verschickte Mail-Art, lange bevor man überhaupt einen Begriff dafür hatte.

Bahnbrechend auch seine inszenierten Fotografien, denen er Titel gab wie Trommelfeuer gegen Schaumschläger und Schastrommler. Er erklärte mit seinen Skulpturcollagen aus Found Objects, Alltagsgegenständen, Flaggen, Instrumenten, Tisch- und Sesselruinen, Farbpinseln Das Ende der Staffelmalerei, thematisierte Justizirrtum und Todesstrafe und ironisierte die österreichische Vergangenheitsseligkeit mit einem Scheißbraunen Lipizzaner.

Aus Bodenbrettern zimmerte Frieberger Selbstporträts; er schrieb kluge Aphorismen; er jazzte, aktionierte, malte, zeichnete. Er züchtete Tauben, besetzte die Arena und die Hainburger Au. Kunst und Leben verschmolzen zu einem einzigartigen, eigenartigen Universum, zu seinem Padhiland. Nicht was, sondern wie man es tue, definiere Kunst, sagte er einmal.

Abwehr gegen Establishment

"Er kann vermeintlich verfahrenen Situationen Flügel verleihen. Er kann mit einem Stück Holz zeigen, dass Grenzen unbedingt überschritten werden wollen. Die Situation ist sein Material, deren Lösung das Produkt", fand der Kunstkritiker Markus Mittringer die vielleicht trefflichste Beschreibung für Frieberger und sein Werk.

Vieles, das meiste, entstand aus Friebergers Abwehrhaltung gegen das Establishment. Und das wiederum rächte sich und ließ ihn links liegen. Die Liste der Ausstellungen ist folglich schütter. Erst 1981 fand die erste Präsentation in der Wiener Galerie Hummel statt.
Es gehört zu den Verdiensten des damaligen Mak-Direktors Peter Noever, dass er Frieberger 2007 erstmals in einem Museum präsentierte. Der Titel Ohne Künstler keine Kunst war wohl auch als Aufforderung gemeint: Frieberger, der seinen wenigen Vernissagen meist lieber ferngeblieben war, erschien tatsächlich zur Eröffnung. "Padhi Frieberger mag stur sein, verkrustet ist er nicht", schrieb Mittringer. 2011 ehrte ihn das Forum Frohner in der Kunsthalle Krems. Zehn Jahre vorher, 2001, hatte Frieberger den Preis der Stadt Wien für Kunst bekommen. Das war's dann aber auch schon mit der öffentlichen Wahrnehmung und Anerkennung.

Wer hat das letzte Wort? nannte Frieberger seine Aphorismussammlung, in der er sich über Spießer und Geldmacher mokiert. Der Erscheinungstermin dieser Sammlung ist unbekannt. Auch Geburtsort und -jahr des Widerstandsgeistes sind nebulös. Er sei, heißt es, 1931 in Wien geboren; andere Quellen sprechen von 1929 und Krems. Nun wollte er, in seinem allerletzten Wort, auch seinen Tod zumindest bis nach dem Begräbnis geheimhalten: nur keine tränengetränkten Grabreden von offizieller Kulturstelle!
Padhi Frieberger starb am 9. Jänner 85-jährig in Wien.

  • Andrea Schurian, 27. Jänner 2016, Der Standard

In der Sammlung Gegenwartskunst finden sich 63 Einträge zu Padhi Friedberger.

 5) Glas und Keramik

Über 12.000 Objekte/Digitalisate beinhaltet die Sammlung Glas und Keramik


"Streusand"
Zylindrischer Tinten- und Streusandbehälter mit vergoldeten Kanten, auf den vier Seitenflächen bunte Wiener Ansichten, darüber goldener umlaufender Streifen, in dem auf weißem ausgespartem Schild die jeweilige Bezeichnung steht.
Kaiserliche Porzellanmanufaktur Wien (Manufaktur), (Wien, 1814)
Aus der Glas und Keramiksammlung


"Kerzenleuchter"
Scherzendes Biedermeierpaar auf mit Blumengirlanden verziertem Rundsockel
Wiener Manufaktur Friedrich Goldscheider (Manufaktur), (Wien, 1913/1914)
Aus der Glas und Keramiksammlung

 6) Metall und Wiener-Werkstätte-Archiv

Über 30.000 auffindbare Objekte in dieser Sammlung ergeben einen nachhaltigen Eindruck über das reichhaltige Schaffen der Wiener Werkstätte und der KünstlerInnen und DesignerInnen dieser Zeit.


"Samowar"
Hoffmann, Josef (Entwurf), (Wien, 1909)
Wiener Werkstätte (Manufaktur)

Metall:

"Kompendium"
Astronomisches Kompendium, Christoph Trechsler d. Ä., Entwurf, (Dresden, 1611)
Der Metallrahmen mit diversen Instrumenten ist gleichsam als zweiter Einband auf ein leeres Notizbuch aufgeschraubt. Auf der Oberseite des Deckels ist eine Monduhr mit Aspektschema dargestellt, die Erklärung dazu ist auf der Unterseite eingraviert. Mit Hilfe der Skalen kann die Uhr auch bei Mondlicht abgelesen werden. Im aufklappbaren Deckel befindet sich eine Horizontal- und Vertikalsonnenuhr mit Kompass. Am Deckel der Rückseite sind innen eine kleine Windrose und ein Zahlenquadrat dargestellt. In dem Metallrahmen darunter verbirgt sich eine Brille aus grünem Glas, die als Sonnenschutz dient.
Aus der Metall und Wiener Werkstätte-Archiv Sammlung

 7) Möbel und Holzarbeiten


"Koranlesepult"
Anonym, Ausführung, (Bosnien, um 1890)
Aus der Möbel und Holzarbeiten Sammlung


"Bett aus einer Einrichtung für das Atelierhaus Ernst Stöhrs in St. Johann am Wocheinersee"
Hoffmann, Josef, Entwurf, (Wien, um 1898)
Anonym, Ausführung, (Wien, um 1898)
Aus der Möbel und Holzarbeiten Sammlung

 8) Spezialarchiv - HELMUT LANG

Über 1.500 Objekte aus dem Helmut Lang Spezialarchiv vermitteln die Design Vielfalt Helmut Langs

Damenkleid - naturweiß (deskriptiver Titel)
Lang, Helmut (Modemarke) (USA, 2003)
Lang, Helmut (Entwurf) (Italien, 2003)
Prada (Ausführung)
Aus dem Spezialarchiv - Helmut Lang


"Sonnenbrille"
metal frame sunglasses (Originaltitel)
Lang, Helmut (Modemarke) (USA)
Lang, Helmut (Entwurf) (Italien)
Prada (Ausführung)
Aus dem Spezialarchiv - Helmut Lang

 9) Textilien und Teppiche

Mit über 15.000 Objekten

"Tunika"
Tunikafragment mit Streifen, Schulterbereich und ein Ärmel;
Doppelstreifen mit stilisiertem Pflanzendekor; Saumborte mit geometrischen Motive (deskriptiver Titel)
Anonym, Ausführung, Ägypten
Aus der Textilien und Teppiche Sammlung

Wem das spätherbstliche oder frühwinterliche Wetter nicht nach draußen lockt, findet in den MAK-Sammlungen auf digitalen Wegen stets einen "Tag der offenen digitalen Tür" vor.

Donnerstag, 29. August 2019 um 13:16:10 von Kulturpool Redaktion

Kulturerbe Wachau

Anlass
Anlass: Weltkulturerbe

Die WACHAUdie fortbestehende Landschaft

Im Jahr 2000 wurde die Wachau in der Kategorie „Kulturlandschaft“ in die UNESCO Liste für Weltkulturerbe aufgenommen. Damit trägt diese Region ein spezielles Siegel, das sie inzwischen mit 1120 anderen Städten in 167 Ländern der Welt teilt (Stand: Herbst 2019). Das Land Österreich verpflichtet sich durch seine Aufnahme, diesem verbindlichen Status Rechnung zu tragen und im Sinne der Welterbe-Konvention die jeweiligen Stätten und Denkmäler zu bewahren und zu schützen. Als verantwortliche Instanz gegenüber der UNESCO tritt das Bundeskanzleramt auf und übernimmt Überwachung und Umsetzung der Konvention mit Unterstützung der UNESCO Kommission sowie für die Wachau auch von der Kulturabteilung des Landes Niederösterreich. Die besonderen Merkmale und die charakteristischen Erscheinungsbilder sollen durch nationale Schutzmaßnahmen und entsprechende Pflege, Verwaltung und Umsorgung für zukünftige Generationen erhalten werden. Seit 1992 ist Österreich ein Teil der Konvention, bis dato sind in Österreich 10 Stätten in die Welterbeliste aufgenommen worden.

https://www.unesco.at/kultur/welterbe/unesco-welterbe-in-oesterreich/

„Die Wachau wird im Sinn der Richtlinien als fortbestehende Landschaft gesehen, welche nach wie vor von einer Kultur geprägt wird und ihre traditionelle Lebensweise fortführt. Kultur und Landschaft beeinflussen einander nach wie vor und tragen das Ihre zur laufenden Entwicklung der Landschaft bei“ (www.weltkulturerbe-wachau.at)


"Wachau"
Gustav Jahn, (Österreich, 1879 - 1919)
K. K. Hof- und Staatsdruckerei Wien (Druck) (Österreich, 1804 - 1918)
Aus der Plakatsammlung der Albertina


"Das Schwedentor bei Spitz/Wachau, Rotes Tor"
Ulf Seidl/ Würthle & Sohn
Aus der Topographischen Sammlung der Niederösterreichischen Landesbibliothek

Um den Begriff „fortbestehende Landschaft“ etwas zu verdeutlichen, darf erzählt werden, dass sich die Bezeichnung Wachau (in der Schreibweise Vuachoua) bereits in einer Urkunde Kaiser Ottos I. aus dem Jahr 972 finden lässt. Zeugnisse menschlicher Besiedelung lassen sich weit über das frühe Mittelalter und die Römerzeit hinaus nachweisen, denn die zwei ältesten Fundstücke des Landes, die jeweils um die 30.000 Jahre alte Venus von Willendorf sowie die Venus von Galgenberg wurden beide bei Ausgrabungen in der Wachau entdeckt. Durch ihr mildes Klima übt die Wachau seit Jahrtausenden den besonderen Reiz eines günstigen Lebensraums auf ihre BewohnerInnen aus, der zu ihrer nachhaltigen und fortbestehenden Besiedelung beitrug.


"Spitz Rotes Tor mit Durchblick auf den Bildstock"
Spitz an der Donau
Österreichische Lichtbildstelle
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek/ Lichtbildstelle

Zu den Voraussetzungen einer „fortbestehenden Landschaft“ meint der mit Fragen des Welterbes sich befassende internationale Experte der ICOMOS Henry Cleere:

"Eine Landschaft, die zum Zeitpunkt ihrer Eintragung in die Welterbeliste in ihrem damaligen Zustand "eingefroren" ist, kann logischerweise gar keine "fortbestehende Landschaft" sein." Daraus folgt, dass eine Auszeichnung als Welterbe gelebt werden muss. Eine Eintragung in die Liste des Welterbes ist mit keinerlei Gesetzes- oder Verordnungscharakter verbunden, es werden keine neuen Kompetenzen eingeführt. Das bisherige Regelwerk auf bundes- und landesgesetzlicher Ebene bleibt vollinhaltlich aufrecht. (www.weltkulturerbe-wachau.at)

Die Wachau wurde bereits 1955 zum Landschaftsschutzgebiet erklärt! Dies sind neben natur- und umweltschutzbezogenen Überlegungen auch Maßnahmen, um einen wirtschaftlichen Aufschwung vorwiegend durch Tourismus zu erwirken. Es zählt das allgemeine Erscheinungsbild, eine Art Ensembleschutz mit geringeren Auflagen wie in der Kategorie Naturschutz, dafür meist großflächiger angelegt. Der Flächenumfang der Wachau bemisst sich mit ca. 20.000 Hektar, davon nimmt ca. 10% der Flächen der für die Region essenzielle Weinanbau in Anspruch.


"Weinbergoaß für ein Wachauer Winzerfest"
Brühlmeyer, Hermann, 1950
Österreichische Lichtbildstelle
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek/ Brühlmeyer


"Weißenkirchen in der Wachau"
Wiener Werkstätte
Aus der Topographischen Sammlung der Niederösterreichischen Landesbibliothek

Die Wachau - ein Durchbruchstal


"Burg Aggstein an der Donau"
Hans Lutonsky
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek/ Lutonsky

Die Wachau erstreckt sich über 36 Kilometer entlang des Donauverlaufes von dem Westen bei Melk bis in den Osten bei Stein und Mautern. Danach fließt die Donau durch das angrenzende Kremstal und Tullnerfeld. Ein weiteres besonderes Merkmal der Wachau ist der Schnitt des Donauflusses durch die Südspitze der Böhmischen Masse. In der Geologie nennt man eine Einkerbung, die ein querender Fluss durch einen Bergzug zieht, ein Durchbruchstal. Der Wachauer Abschnitt der Donau ist ein solches, denn die Ausläufer der Böhmischen Masse beim Dunkelsteinerwald sind durch den Fluss im Nordosten vom Waldviertel getrennt, das Teil dieses Gebirgszuges ist und somit eine Grenze zu einer weiteren niederösterreichischen Viertellandschaft darstellt: dem Mostviertel im Südwesten.

Neben der Kulturlandschaft Wachau sind auch die Benediktinerstifte Melk und Göttweig sowie die Altstadt Krems als Weltkulturerbe in die Liste aufgenommen worden.


"Jacob Mayer, Schweiz, in Wien tätig um 1827-1832"
Aquarell, über Bleistift
Aus der Graphischen Sammlung der Albertina Wien


"Dürnstein an der Donau / Wachau / Niederösterreich"
Lorenz Janscha (Künstler_in) (Radmannsdorf (Krain) 1749 - 1812 Wien)
Johann Ziegler (Stecher_in) (Meiningen um 1750 - um 1812 Wien)
Aus der Graphischen Sammlung der Albertina Wien


"Dürnstein an der Donau / Wachau / Niederösterreich"
Risch-Lau
Aus der Sammlung Risch-Lau der Vorarlberger Landesbibliothek

Eine ganze Palette an landschaftlichen und kulturellen Reizen hat sich in dieser Gegend zusammengefunden, die verstehen lassen, warum diese Landschaft über Jahrtausende ihre Anziehungskraft auf den Menschen nicht verloren hat. Die von den Römern bereits überlieferten Techniken des Weinanbaus haben sich über Jahrhunderte weiterentwickelt, begünstigt durch die milden klimatischen Gegebenheiten, dem besonderen Boden mit seinen charakteristischen Weinterrassen auf den mit Höhen von rund 200 Metern sehr niedrig und für eine nachhaltige Bewirtschaftung und Pflege günstig gelegenen Hängen. Auch diese Art von überlieferten Kultur- und Keltertechniken darf man zum Kulturerbe zählen, dem Immateriellen.

Ähnliches gilt neben der Traube auch für die Marille, Apfel und weitere Obstsorten, die in der Wachauer Gegend ihren speziellen Geschmack entfalten und in den verschiedensten Veredelungen und Bearbeitungen auf den Märkten nachgefragt werden. Der Obst- und Weinanbau ist seit Jahrhunderten hier eben auch ein Wirtschaftsfaktor. Auch das eine Art Auszeichnung und Garantie für eine „fortbestehende Landschaft“.


"außerhalb Hundsheim a. d. Donau, Wachau"
Stoitzner
Aus der Topographischen Sammlung der Niederösterreichischen Landesbibliothek

Die markanten schroffen Felsen, das gewundene Donautal, die seit der Römerzeit über das frühe Mittelalter entstandenen Wehrtürme, die mittelalterlichen Burgen und Festungen, die imposant gelegenen barocken Benediktiner-Stifte sowie die Felder und Obstgärten, die den Landschaftszug auszeichnen, ergeben ein beeindruckendes Ensemble.

Die Wachau - Seit 30.000 Jahren ein Anziehungspunkt

Seit der Steinzeit lebt der moderne Mensch in der Wachau. Die beiden ältesten Kunstwerke aus Österreich mit ihren Fundstellen in der Wachau bezeugen, dass diese Region bereits vor 30.000 Jahren im sogenannten Jungpaläolithikum (von griech. παλαιός (palaios) „alt“ und λίθος (lithos) „Stein“, der Zeitraum von vor etwa 40.000 Jahren bis zum Ende der letzten Eiszeit um etwa 9700 v. Chr.) einen nachhaltigen Lebensraum für menschliche Besiedlung geboten hat.

In der bisherigen Forschung stellt dies die Zeit der Einwanderungswelle des anatomisch modernen Menschen (homo sapiens) in das zuvor nur von Neandertalern bewohnte Europa dar. Die zwei figürlichen Frauendarstellungen, die Venus von Willendorf und die Venus vom Galgenberg stammen aus dieser Zeit. Es heißt, dass sich der moderne Mensch sehr rasch über ganz Europa verbreitet hat, diejenigen, die es in die Wachauer Gegend verschlagen hat, wollten anscheinend von dort - aus inzwischen verständlichen Gründen - nicht mehr weg- oder weiterziehen.

(Zu dem Thema der ersten Einwanderungswelle des homo sapiens nach Europa beschäftigen sich derzeit einige europäische Forschungsgruppen. Ihre These geht davon aus, dass der moderne Mensch bereits viel früher, schon vor 150.000 Jahren nach Europa gekommen sein soll)


"Venus von Willendorf" und "Venus von Willendorf, Rücken"
Kultfigur aus der Wachau (25.000 v. Chr. entstanden, 1908 von Archäologen ausgegraben)
Szombathy, Josef, 1908
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek/ Szombathy

In jedem Fall stellt die aus Kalkstein geformte Wachauer Venus einen phänomenalen Fund dar, wie auch in der Beschreibung des Naturhistorischen Museum Wiens, das die Venus von Willendorf aufbewahrt, zu lesen ist:

Das bedeutendste Sammlungsobjekt des gesamten Hauses und zugleich einer der berühmtesten archäologischen Funde der Welt ist die ca. 29.500 Jahre alte Venus von Willendorf. Sie wurde am 7. August 1908 bei Ausgrabungen unter der Leitung von Josef Szombathy, dem damaligen Kurator der Prähistorischen Sammlung des k. und k. Naturhistorischen Hofmuseums, und den mit der Durchführung der Ausgrabung betrauten Prähistorikern Hugo Obermaier und Josef Bayer im niederösterreichischen Willendorf in der Wachau gefunden. Die 11 cm hohe, mit Rötel gefärbte Frauenfigur wurde beim vorsichtigen Untersuchen eines Fundhorizontes vom Arbeiter Johann Veran entdeckt. (Naturhistorisches Museum)


"Willendorf i. d. Wachau"
Hugo Darnaut
Lösswand bei Willendorf
Naturhistorisches Museum Wien


"Willendorf i. d. Wachau"
Die Fundstelle der "Venus I" (vordere Figur) und "Venus II" (hintere Figur) vor Beginn der Grabung 1927
Aus der Topographischen Sammlung der Niederösterreichischen Landesbibliothek

Was die Figur eigentlich darstellen soll, ist in der Forschung umstritten. Ob Erotika, Fruchtbarkeitssymbol und Götterstatue, hier scheiden sich die Geister. Ganz klar jedenfalls als Frau dargestellt, darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an Deutungen. Eine ganze Reihe weiterer relativ vollständiger Statuetten wurden in den 1920er und 1930er Jahren unter anderem in den Pyrenäen (Frankreich), Kostienki (Russland) und in Mähren (Tschechien) gefunden. Die Venus von Willendorf gehört jedoch zu den bekanntesten aller Venus-Figuren.

"Die Venus ist wissenschaftlich ein wertvoller Fund, weil wir das Gefühl haben, über sie in die Gedankenwelt der eiszeitlichen Menschen eindringen zu können - was uns natürlich nur in sehr bescheidenem Maße gelingt", so Antl-Weiser.

Wachau in der Sommerfrische

In Italien spricht man von „prendere il fresco“ (die Frische= eine Abkühlung nehmen), plant man einen Spaziergang. Der deutsche Begriff „Sommerfrische“ leitet sich angeblich aus dem Südtiroler Raum ab, wonach die BürgerInnen des sommerlich heißen Talkessels Bozen in den hitzigen Sommermonaten auf ihren Hausberg, dem Ritten, zogen, dort ihre Häuser bauten, die in der Kühle des Mittelgebirges den Sommer erträglich werden ließen.

„frisch(e), f. ebenda, das in diesem sinne schon aus dem 17.
jahrh. bezeugt ist: wo die statt Bozen ire refrigeria oder frischen halten.“

Aus dem Wörterbuch der Brüder Grimm

Als Zielpunkt für den seine Sommerfrische suchenden Gast ist die Wachau schon seit über 100 Jahren eine beliebte Destination.
Das milde Klima, der gute Wein, das frische Obst, die vielen Möglichkeiten der Erkundungen der Gegend mit seinen geschichtlich interessanten Orten, einigen spannenden Kunstinstallationen, der Vielzahl an Fortbewegungsvarianten wie Rad, Schifffahrt und Fähre oder Wanderwege laden ein, diese besondere Kulturlandschaft tageweise, übers Wochenende oder auch über einen längeren Zeitraum besser kennenzulernen.

Die vielen Weingüter und Gasthöfe versprechen auf vielfältige Weise die gewonnenen Eindrücke zu vertiefen und zu verinnerlichen. Eines der wichtigsten Kulturgüter der Wachau ist seit Jahrhunderten der Wein.

Die Römer kamen, säten und kelterten

Es waren die Römer, die das Wissen rund um das Handwerk des Weinbaus, wie das Veredeln und Kultivieren sowie das Können, Rebstöcke zu bearbeiten in die Gegend brachten.


"Der heilige Serverin heilt den Sohn eines Edelmannes vom Hof des Rugier-Königs Flaccitheus"
Feder- und Pinselzeichnung in Braun mit Weißhöhungen von Karl Ruß
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Die „Gedenkschrift“ (Commemoratorium) des Hl. Severin, die als Vita Severini eine wichtige Quelle des römischen-frühmittelalterlichen Alltags darstellt und Dank seines Schülers Eugippius im Jahr 511 n.Chr. vollendet wurde, bietet eine Vielzahl an Informationen über das Leben in dieser Gegend zur Zeit des Frühmittelalters. Er berichtet von Rebkulturen und dem Weinbau in der Wachau. Er erzählt von Wochenmärkten der Rugier am nördlichen Donauufer gegenüber „Favianis“, dem heutigen Mautern. Die Rugier waren ein ostgermanisches Volk, das in der Gegend siedelte. Die Römer wohnten in dieser Zeit in befestigten Siedlungen, die aus ehemaligen Kastellen weiter- und umgebaut wurden, um Schutz vor den einfallenden Germanengruppen zu finden. Vor deren Mauern beschreibt der Hl. Severin befanden sich Viehweiden, Felder, Obst- und Weingärten.

Später bauten die großen bayrischen Klöster in vielen Wachauer Ortschaften ihre Lesehöfe. Auch heute noch erinnern die Namen mancher Winzerhäuser an den geschichtlichen Ursprung: Die Erinnerung an das Wirken des Bistums Freising lebt im Freisingerhof fort, Kartäuser und Klosterhof beschreiben auch ihre ursprüngliche Zugehörigkeit sowie viele weitere Höfe ihren Ursprung noch im Namen festschrieben finden.


"Weinbauer in der Wachau"
Rudolf Spiegel, 1938
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Wichtige Ortschaften sind Spitz, Mautern, Rossatz, Dürnstein, Weißenkirchen, Loiben, Joching und Wösendorf, die auf eine Weinanbaufläche von 1.344 Hektar kommen. Die bekanntesten Rebsorten sind der Grüne Veltliner und der Riesling. Über 200 Betriebe sind dem Weinbau verschrieben und produzieren vor allem drei Marken, die sich je nach natürlichem Alkoholgehalt gliedern lassen in die „Steinfeder“ (nach „stipa pennata“, dem Federgras), ein duftiger Leichtwein bis 11, 5 %, weiters die klassische Kategorie der „Federspiel“ (11,5 bis 12,5% Alkohol) sowie der „Smaragd“ (ab 12,5% Alkohol), dem kraftvollen Reservewein. Diese Weine werden ausschließlich trocken und ohne Barriqueeinsatz ausgebaut.

Die Wachauer Nase - Immer der Nase nach:

Von Weißenkirchen nach St. Lorenz gibt es vor allem eine Verbindung: Eine über ein Drahtseil sich über die Donauströmung zum Ufer ziehende Fähre. Die Kraft des Stromes wird erfahrbar und in ein paar Minuten erreicht man die andere Uferseite. Ein Erlebnis für sich.


"Wachau"
Holzflossbau in der Wachau mit Blick stromaufwärts
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

An der Fährstation St. Lorenz angekommen, begrüßt den Gast eine übernatürlich große Nase, die aus der Erde herausragt. Diese Nase ist eine Kunstinstallation der Gruppe Gelatin und lässt eine Vielzahl an Deutungen und Inspirationen in die Sinne kommen.
Für Geschmacksbestimmungen wie der Blume des Weines braucht es eine gute Nase. Auch die unterschiedlichen Düfte der jeweiligen Jahreszeiten sollen bewusster erfasst werden können, in dem das übergroße Riechorgan allein durch seine Präsenz den Passanten anregt, sich auf in der direkten Umgebung verorteten Gerüche und Düfte zu konzentrieren. Dank der überdimensionalen Größe ist die Nase sogar begehbar und lässt sich auch von innen erforschen. Wenn die Donau mal wieder durch Regen oder andere Einflüsse etwas über die Ufer wächst, lässt sich ein Nasenrinnen des Kunstobjektes nicht vermeiden.

Die Form der Nase ist angeblich dem Sohn des Rossatzer Bürgermeisters nachempfunden mit Einflüssen der Nasenformen einer Hamburger Touristin. Eine Hybridnase als Erfolg eines Nasen-Castings mit mehr als 70 Nasen in Begutachtung.


"Nase in St Lorenz"
_https://www.kremskultur.at/de/912-2/_


"Wachauer Nase, Gelatin"
Alice Stori, Blogposting


"Wachauer Nase, Gelatin"
Alice Stori, Blogposting

Es gilt also einiges zu erleben in der Kulturlandschaft Wachau und im Anschluss versteht man das Gütesiegel „Weltkulturerbe“ auf vielen Ebenen anerkennend zu schätzen und zu würdigen. Allein auf einem Sofa durch die Landschaft zu ziehen, könnte eine weitere besondere Form der Wahrnehmung darstellen, um all die Eindrücke aus der Perspektive eines genießend-beobachtenden Auges aufzunehmen.
Hierzu müsste man den Künstler Josef Trattner anfragen, der bekannt ist für seine heimischen und internationalen Sofafahrten, ob er bereit wäre, eines seiner Sofas an der Donau entlang zu führen, was er in regelmäßigen Abständen auch tut.

https://www.kunsthalle.at/de/ausstellungen/13-josef-trattner-donau-sofa-projekt

Seit 2004 bereist Josef Trattner mit seinem rosa gefärbten Schaumstoffsofa europäische Länder wie Rumänien, Bulgarien, Polen und die Türkei. Das Sofa fungiert als Plattform, als Begegnungsort, auf dem der Künstler mit unterschiedlichen geladenen Gästen aus der Kulturszene Gespräche über Leben, Gemeinschaft und Kultur führt. Das Sofa wird zur sozialen Plastik in der Stadt und der Landschaft. Man könnte Trattner als einen nomadischen „SoFisten“ bezeichnen.

Mit dem Begriff des „Sophisten“ wurden im 5. Jahrhundert v. Chr. Wanderlehrer bezeichnet, die ihre Schüler auf humanistischer Weise Rhetorik, Politik, Philosophie und Ethik lehrten. So hat Josef Trattner 2016 seine Sofa-Fahrt am Donauweg vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer flussabwärts absolviert. Eine Sofa-Flussanlegestelle ist auch Krems gewesen.

Im Rahmen der im Sommer 2019 ausgerichteten Ausstellung Land Art in der Kunsthalle Krems (14.07.–03.11.2019) wird das Donau-Sofa-Projekt mit Film- und Fotodokumentationen präsentiert, begleitet mit Sofa-Veranstaltungen in der Kremser Donau-Region. (Text. Kunsthalle Krems)


"Josef Trattner, Sofafahrten"
Kunsthalle Krems

Freitag, 28. Juni 2019 um 23:39:04 von Kulturpool Redaktion

Der Mensch und die Olive

Anlass
Der Mensch und die Olive

Kurze Geschichte über die Beziehung des Menschen zur Olive

Olivenbäume, eine Studie
Graphische Sammlung der Albertina, Wien

Eine kurze Jungsommerkulturgeschichte zur Olive. Für alle, die sich in dieser Phase des Jahres mit der Olive und dem Geschmack ihrer Kulturgeschichte befassen mögen.

Die Halbinsel Attika wurde einst zum Zankapfel zweier Götter. Pallas Athena, die allbekannte Göttin der Weisheit stritt mit Poseidon, dem Gott des Meeres um die Gunst der BewohnerInnen Attikas, der zu dieser Zeit mächtigsten, einflussreichsten und größten Stadt der hellenistischen Welt.

Der Streit spitzte sich zu, sodass der Göttervater Zeus mit einem Vorschlag einschreiten musste: Wer von den beiden den BewohnerInnen der Stadt das nutzvollere Geschenk erbringen kann, soll der Sieger der Auseinandersetzung sein.

Poseidon zögerte nicht lange und setzte seinen Dreizack ein, stieß ihn tief in den Felsen der Akropolis und bewirkte, dass aus einem so entstehenden Brunnen eine riesige Fontäne hervorstieß. Der Nutzen für die Menschen blieb allerdings beschränkt, da das Brunnenwasser salzig war!

Athena stieß daraufhin eine Lanze in den Boden, auf dem in Folge ein Olivenbaum wuchs. Der Olivenbaum, die kleine immergrüne Pflanze, die in heißen Sommertagen mit sehr wenig Niederschlag überleben kann, daher auch ihr Nimbus der Unsterblichkeit, spendet den Menschen Nahrung, Kraft, Gesundheit und Schönheit! Der Nutzen war nicht von der Hand zu weisen.

Mit dieser Aktion hat Athene den göttlichen Wettstreit eindeutig für sich entscheiden können und die StadtbewohnerInnen zollten diesem Resultat ihren Tribut und nannten die Stadt von nun an Athene. An diesem historisch-mythischen Ort soll immer noch der Olivenbaum stehen und alle weiteren Olivenbäume sich von dem Athenischen herleiten lassen. So die Sage. Das Heiligtum auf der Akropolis ist jedenfalls Athene geweiht. Poseidon muss im Südosten am Kap Sunion mit einem ihm geweihten Tempel vorliebnehmen.


Olivenpflanzungen auf Terrassen in Pirano
Europeana Travel; Österreichische Nationalbibliothek

In diesen Tagen ist es eine andere Stadt, die durch einen Olivenbaum einen Streit eher auslöst als löst! Basel. (Anm. der Redaktion: Es ist der Redaktion nicht bekannt, ob der deutsche Maler Baselitz einen göttlichen Wettstreit gewann und die Schweizer Kulturstadt daher seinen Namen angenommen hat..)


Enzo Enea, Martin Rütsch
“Use/Abuse Bondages”
Unlimited, Art Basel, 2019
„Olivenbaum Unlimited Art Basel” Enzo Eneas

Der Schweizer Landschaftsarchitekt Enzo Enea hat mit seinem Projekt „use/abuse“ in der Eingangshalle zur Unlimited an der heurigen Art Basel acht uralte Olivenbäume aufgestellt, die für mehr Achtsamkeit und Nachhaltigkeit stehen sollen. Naturgemäß entfachte diese Installation einiges an kontroversieller Auseinandersetzung, mit der Frage, ob derartiges Verhalten und Umgang mit der Natur erlaubt sein darf und wirklich für mehr Achtsamkeit und Nachhaltigkeit einsteht oder ob nicht doch etwa das Gegenteil durch derartige Aktionen erreicht wird? Als eine Missachtung der Natur und der Bedürfnisse dieser alten Pflanzen sieht es jedenfalls eine Vielzahl der BesucherInnen.

Der Landschaftsarchitekt selbst meint jedenfalls, dass er niemals einer Pflanze ein Leid zufügen wolle, sondern diese bewusst als Zeichen der Übermacht des Betons in den Städten und als Aufruf zu mehr Grün in den Großstädten zu verstehen sei. Für die Bäume sei es lediglich erträglicher Stress.
Ein Olivenbaum steht jedenfalls im Zentrum der Diskussion um Grenzen der Kunst und des Umgangs mit Pflanzen.

MYTHOLOGIE und SYMBOLISCHE BEDEUTUNG

Tatsächlich spielt der Olivenbaum im ganzen Mittelmeerraum seit mehreren Jahrtausenden eine große Rolle.
Neben dem Getreide und dem Wein stellt die Olive eine weitere elementare Pflanze der Antike dar, die bis jetzt gepflanzt, entwickelt, geerntet und gehandelt wird. Wie das Getreide und wahrscheinlich auch der Wein ist die Olive von Beginn der menschlichen Zivilisation an auch als Begleiter und stummer Zeitzeuge zu betrachten, die den Werdegang der Sesshaftigkeit als prominentes Mitglied unter den Pflanzen begleitete und dem Menschen stets von Nutzen war, wie aus der oben erwähnten Sage schon zu lernen war. Die Forschung geht davon aus, dass über den Nahen Osten die Pflanze in den Mittelmeerraum gelangte.


2. Viertel 5. Jh. v. Chr.
"Olivenhändler"
Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung

Wenn die Botanik davon ausgeht, dass bestimmte Olivenbäume über 1000 Jahre alt werden, kann man sich der Vorstellung hingeben, dass wir uns nur drei Baumgenerationen zurückgedacht, mitten in der Antike befinden. In der Zeit der Phönizier, Griechen und Römer. Die Handelsrouten der Phönizier bestimmten sicher auch mit, an welche Orte Pflanzen und Waren verstärkt gelangten.

Um die 1000 vor Chr. war sicher eine Blütezeit der Kultivierung der Olive. Händlervölker wie die Phönizier trugen auch dazu bei, dass im Mittelmeerraum die Olive eine rasche Verbreitung und Anerkennung fand. Die Phönizier als phasenweise vorherrschende Handelsmacht im Mittelmeerraum waren wichtige Förderer bestimmter Waren sowie von Pflanzen und Früchten. Sie segelten fast alle Inseln des Mittelmeeres an, die Küsten des heutigen Italiens und Griechenlands sowie die der Iberischen Halbinsel.


Olivenpflanzungen auf Terrassen in Pirano
Europeana Travel, Österreichische Nationalbibliothek

Auch die Römer pflanzten den Olivenbaum in fast allen ihrer Provinzen an und kultivierten diese Entwicklung nicht nur durch gezielte Saat, sondern auch mittels Verbreitung ihrer Früchte bzw. verarbeitenden Formen wie das Olivenöl. Als Nahrungsmittel oder als Öl für kosmetische Nutzung bzw. als heilende Funktion war die Olive mit den vielen guten Eigenschaften eben auch deshalb so beliebt, weil so vielseitig einsetzbar.

Viele antike Zeugnisse wie Vasen oder Amphoren tragen Abbildungen von Oliven an sich und bezeugen die Funktion, Präsenz und Prominenz der Olive. Mit der Ausbreitung des Römischen Reiches wuchs parallel dazu auch die Verbreitung des Olivenbaumes mit.

KULTIVIERUNG

Die Erwähnung der Olive findet sich in fast allen Kulturen rund um das Mittelmeer. Die ersten Aufzeichnungen, die über Oliven berichten oder eingemeißelt auf Tontafeln zu entdecken sind, werden der mykenischen Kultur zugerechnet, dem Reich des sagenhaften König Minos (ca. 2.500 v.Chr.). Sie deuten auf die Etablierung der Olive in dieser Zeit sowohl als beliebte Frucht als auch als bereits ein wesentlich treibender Wirtschaftsfaktor hin.

Im alten Ägypten finden sich auf Hieroglyphen Abbildungen von Olivenbäumen oder Zweigen. Man geht davon aus, dass der Baum ursprünglich aus Syrien und Palästina in den Mittelmeerraum gelangte und sich seit dann an der Seite der jeweiligen Völker ausbreitete.


442 - 438 v. Chr.
Fragment vom Nordfries des Parthenon, Alte Männer
Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung

Mit der Kultivierung der einzelnen mitteleuropäischen Völker fand auch die Olive ihren unaufhaltsamen Vormarsch in die Küchen Europas. Phönizisch, assyrisch, jüdisch, ägyptisch, griechisch überall begegnet man der Olive in Abbildungen, als Teil der Küche oder als Bestandteil religiöser Zeremonien im Hinblick auf die Heilkraft ihres Öles. Das aus der christlichen Liturgie bekannte „Kyrie Eleyson“ erzählt auch von der Heilkraft des Öls, welches als Wortbestandteil in „Eleison“ bereits die Nähe in der Wortentstehungsgeschichte aufzeigt.


Maria Anna Angelika Catharina Kauffmann (Chur 1741 - 1807 Rom)
Die Verwandlung des apulischen Hirten, der über den Reigen der Nymphen spottete, in einen Olivenbaum
Graphische Sammlung der Albertina, Wien

Über die Jahrhunderte blieb die Olive ein zentraler Bestandteil in Erzählungen und Mythen. In Stillleben, auf Vasen, Amphoren und Hieroglyphen, überall konnte sie sich verewigen und sich, vielseitig eingesetzt, als Bestandteil diverser Rituale in verschiedenen Religionen etablieren.

Reich an Erzählungen und „Legenden“ ist die Olive, die ihren Platz und Erwähnung schon in den vorschriftlichen Erzählungen in vielen Göttermythen findet, als Zweig, Blätter, als Öl oder als Olivenfrucht, bzw. immer wieder auch als Baum.
Olympische Spiele haben den Olivenzweig als Symbol erkoren, den sich der Gewinner eines Wettkampfes auf sein Haupt heben lassen darf.

Die Taube, die einen Olivenzweig im Schnabel hält.

Die Taube hat in der Genesis eine wichtige Aufgabe, spielt sie doch eine Vermittlerin zwischen dem erzürnten Gott und der Menschheit.

Die Sintflut-Erzählung in der Bibel erzählt von einer Art Kriegserklärung Gottes an die Menschheit:

Gen 6,5
Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war.

Gen 6,6
Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh.

Gen 6,7
Der Herr sagte: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben.

Gen 6,8
Nur Noach fand Gnade in den Augen des Herrn.

Gen 6,13
Da sprach Gott zu Noach: Ich sehe, das Ende aller Wesen aus Fleisch ist da; denn durch sie ist die Erde voller Gewalttat. Nun will ich sie zugleich mit der Erde verderben.
Die Rückkehr der Taube mit dem Olivenzweig im Schnabel wird als Zeichen des Friedensschlusses zwischen Gott und der Menschheit verstanden. So entwickelte sich der Olivenzweig im Schnabel einer Taube als ein weltweites Symbol für Frieden.

Gen 8,11
Gegen Abend kam die Taube zu ihm zurück, und siehe da: In ihrem Schnabel hatte sie einen frischen Olivenzweig. Jetzt wusste Noach, dass nur noch wenig Wasser auf der Erde stand.

Ob als Zweig, Frucht, Baum oder als Öl, die Olive kommt in unzähligen weiteren Stellen in der Bibel vor. Das Olivenöl war die Grundlage des Balsams für die Salbung und für das Licht, das die Dunkelheit der Tempel und Häuser durchleuchtete. Auch die Rede Jesus vom Ölberg, sprich Olivenberg, sind Zeugnis der wesentlichen Rolle, die die Olive in der Mythologie als auch in den Religionen wahrnahm.

In den christlichen Riten spiegelt die Kraft und Energie der Olive auch die Anerkennung der Macht Gottes über die Menschen wider.
Die Lampen in den Kirchen der Christen, auch in der jüdischen Liturgie wurden mit Olivenöl befüllt, da dieses die Anwesenheit Gottes bezeugte.


Olivenbaum
REALonline, Institut für Realienkunde - Universität Salzburg

Der Olivenbaum als „Geschenk der Götter“ zeichnet sich durch die unterschiedlichen Epochen und historischen Episoden als immer wiederkehrender Hort von kraftvoller Symbolik aus.

Im alten Testament und den frühbiblischen Aufzeichnungen, von den griechischen Erzählungen und Göttergeschichten.
Im neuen Testament heißt es das Kreuz Jesu sei aus Olivenholz mit einem Gemisch aus Zedernholz.
Das Römische Reich kam auch nicht ohne Oliven aus und im Mittelalter waren es vor allem die mitteleuropäischen Klöster, die auf die Olive vertrauten und bauten.

In Kulturen, die aus klimatischen und geographischen Gründen nicht über Olivenbäume verfügten, galt das symbolische Bild, dass eine Olive, bzw. ein Olivenzweig immer etwas Positives mit sich bringt. Bis nach China reicht der symbolische Arm und hat dort eine Bedeutung, dass die Olive gut gegen Gifte sei. In Japan symbolisiert die Olive unter anderem auch "Sieg".

KUNSTGESCHICHTE:


Pseudo-Panathenäische Preisamphora mit Athena
Das Gefäß war - mit Öl von den heiligen Olivenbäumen gefüllt - der Siegespreis bei den panathenäischen Spielen in Athen.
Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung

Um das Öl auch zu transportieren, zu schöpfen und zu horten, schufen die Menschen über die Jahrhunderte immer wieder neue Formen und Materialien, die mit, jeweils für ihre Zeiten typischen Ornamenten und Verzierungen, geschmückt wurden. Antike Ton- und Keramikvasen für Olivenöl oder für aromatische Düfte genossen einen hohen Stellenwert, sowohl in der griechischen als auch in der römischen Gesellschaft.
Dabei blieben die symbolischen Funktionen über die Jahrhunderte in Liturgien und ähnlichen Ritualen erhalten.

ERNTE:


Hugo Charlemont
Olivenernte bei Ragusa
Europeana Travel, Österreichische Nationalbibliothek

Eine mühselige Prozedur durchwandert ein Ernteverfahren. Die Oliven werden entweder händisch gepflückt oder die Erntenden schlagen mit einer Stange auf die Äste ein und sammeln die herabfallenden Oliven mittels am Boden aufliegender Netze.
Innerhalb von ein bis zwei Tagen müssen die Oliven zur Mühle gebracht werden, die dort gereinigt und in Folge zwischen Mahlsteine aus entweder Marmor, Stein oder Granit gesetzt werden, um zu Brei gemahlen zu werden.
Heutzutage ersetzen hydraulische Pressen die Arbeit der Olivenbauern. Ohne Hitzezufuhr und chemischen Beigaben wird das gepresste Öl in eine Zentrifuge gebracht, die aus der Emulsion aus Öl und hervorkommendem Wasser, die jeweiligen Bestandteile trennt. Ungefiltertes, leicht trübes und kaltgepresstes Olivenöl entsteht.
Danach wird es gefiltert.

Das gewonnen Öl sollte in dunklen Flaschen aufbewahrt werden, da es sehr lichtempfindlich ist. Goldgelb ist die optimale Farbe. Hingegen deuten grüne Öle darauf hin, dass beim Pressen wahrscheinlich Blätter beigemengt wurden oder dass die Früchte noch unreif waren zur Zeit der Ernte. Der Geschmack ist dann meist ein bitterer.
Im Mittelmeerraum gibt es ca. 150 verschiedene Olivenbaumsorten. Es kann ein paar Jahrzehnte dauern bis ein Olivenbaum seine ersten Früchte hervorbringt, meist sind es so zwanzig Jahre.

Die Bäume werden bis zu 16 Meter hoch und können 1000 Jahre alt werden. Es ist denkbar, dass Karl der Große einst an einem jungen Olivenbaum vorbeiritt, der heute immer noch lebt und seit damals vom Mittelalter über die Neuzeit und Renaissance, Barock bis Biedermeier und das gesamte 20. Jahrhundert als stummer Zeitzeuge die Menschheit vorbeigehen sieht.

Die Frucht enthält etwa 15 – 35% Öl und ist reich an ungesättigten Fettsäuren, Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen. Das wirkt sich positiv auf unseren Organismus aus in dem es den Cholesterinspiegel im Blut senkt, was einer Reduktion des Herzinfarktrisikos gleichkommt und gleichzeitig auch eine Funktion als Entkalker der Arterien wahrnimmt. Auch kosmetisch ist die Olive häufig in Verwendung, da sie eine glättende und schützende Wirkung für empfindliche Haut entfaltet. Nicht zuletzt soll auch das Gedächtnisvermögen gestärkt werden!

Eine römische Weisheit lautete:
Zur Bereitung eines Salates gehören vier Personen:

Ein Verschwender für das Öl,
ein Geizkragen für den Essig,
ein Weiser für das Salz und
ein Narr, der den Salat mischt.

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