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Montag, 13. November 2017



Montag, 11. September 2017


Dienstag, 10. Oktober 2017 um 14:54:04 von Kulturpool Redaktion

Der Zauber der Montur

Anlass
Digitalisierung der Sammlung des Monturdepots des Kunsthistorischen Museums

„Das Beinkleid das liegt an ganz straff,
das macht die Mädels paff!
Manch Schöne, die wir nicht erhört.
hat sich aus Gram um uns verzehrt!
Der Andrang ist ganz fürchterlich,
um uns’re Herzen balgt man sich!
Das ist der Zauber der Montur,
dazu Figur und Positur!“

Im Marsch-Duett „Das ist der Zauber der Montur“ aus Carl Michael Ziehrers Operette „Die Landstreicher“ von 1899 beschwören die Librettisten Ludwig Krenn und Carl Lindau mit augenzwinkernder Ironie die Magie der Uniform, der einst nicht nur „Mädels“ erlegen sind.

„Auch männliches Civil es wird
durch unsern Anblick fascinirt,
es thut uns jedermann,
zu Liebe, was er kann!“

Links: Campagne-Uniform eines österreichischen Feldmarschalls in ungarischer Adjustierung, aus dem persönlichen Besitz des Kaisers Franz Joseph I. (1907): In der k. u. k. Armee gab es Generäle mit deutscher und solche mit ungarischer Uniform. Die mit Elementen der Volkstracht bereicherte, auffälligere "ungarische Adjustierung" durfte jedoch nur von solchen getragen werden, die im Laufe ihrer Karriere Oberst in einem Husarenregiment gewesen waren. Kaiser Franz Joseph, der als oberster Kriegsherr automatisch den Rang eines Feldmarschalls bekleidete, trug je nach Anlass entweder die deutsche oder die (hier gezeigte) ungarische Uniform.

Rechts: Ornat eines Ritters des Ungarischen St. Stefans-Ordens (um 1765): Der königlich-ungarische Orden des heiligen Stephan wurde 1764 von Kaiserin Maria Theresia gegründet. Sein Ornat besteht aus einem Radmantel aus grünem Samt, der an den Rändern mit reicher Goldstickerei (Eichenlaubranken) verziert und mit Hermelinimitation gesäumt ist. Darüber liegt ein Kragen mit gleichem Dekor, der in der Mitte eine in Gold und Silber gestickte Imitation des Großkreuzes zeigt. Das Untergewand (Skapulier) aus karmesinrotem Samt ist als Rangabzeichen für den Inhaber des Großkreuzes ganz mit goldgestickten Eichenlaubranken bedeckt.

Uniformen signalisierten nicht nur Sex-Appeal, sondern auch Macht, Autorität, Professionalität und Sicherheit. Im neoabsolutistischen Staat des jungen Kaiser Franz Joseph nach 1848 waren sie das äußere Zeichen der omnipräsenten Staatsmacht, die nicht zuletzt auch von Beamten getragen wurde. Man trug „des Kaisers Rock“, der in der streng hierarchisch gegliederten Welt des Wiener Hofs jedem einzelnen seinen klar definierten Platz zuwies.

Noch bis zur Wende ins 20.Jahrhundert prägte der Reichtum an Formen und Farben unzähliger Uniformen das Wiener Stadtbild. Vom Minister bis zum Portier, vom Universitätsprofessor bis zum Schuldiener, vom Gerichtspräsidenten bis zum Amtsboten, waren alle uniformiert. Dazu kam, dass das Straßenbild beherrscht war von unzähligen Kutschen mit prächtig geschirrten Pferden und noch prächtiger livrierten Kutschern und Lakaien. Vor jedem Amtsgebäude, vor jedem Adelspalais stand ein livrierter Portier mit einem mächtigen Portierstock. Auch der „ewige Kaiser“, Franz Joseph, hatte eine besondere Vorliebe für militärische Adjustierungen, die er, der Logik der Doppelmonarchie entsprechend, auch geschickt zu variieren verstand: Mit den Gala- und der Campagne-Uniformen, die es jeweils sowohl in deutscher als auch ungarischer Fassung gab.

Links: Gala-Livree eines Kutschers: Bei Ausfahrten der Gala-Equipagen trugen die Kutscher des Wiener Hofes die in den habsburgischen Hausfarben schwarz-gelb gestaltete Gala-Livree. Sie bestand aus einem schwarzen Frack, der reich mit gelb-weißen Borten mit dem eingewebten kaiserlichen Doppeladler verziert war. An der rechten Schulter war ein schwarzes "Achselband" fixiert, das die in Gold gewebten Initialen des Kaisers ("FJI") zeigte. Dazu trug der Kutscher Kniehosen aus schwarzem Plüsch und einen schwarzen Dreispitz mit weißen Straußenfedern.

Rechts: Mantel von der Gala-Livree eines Kutschers: Bei kühlem Wetter durften die Kutscher, die ja stets mehrere Stunden ungeschützt der Witterung ausgesetzt waren, zur Gala-Livree einen langen Mantel tragen. Auch er ist in den Hausfarben schwarz-gelb gestaltet und reich mit Borten aus weiß-gelber Posamentrie verziert.

Den Anstoß zur allgemeinen Uniformierung, die - anders als der Begriff vermuten lässt - schließlich zur bunten Vielfalt führte, gab Joseph II. Schon im ersten Jahr seiner Mitregentschaft, 1765, setzte er - ganz im Sinne des utilitaristischen Denkens der Aufklärung - ein spektakuläres Zeichen: Das Spanische Mantelkleid, das aus Umhang, langem Wams, knielanger Pumphose, Federhut und Degen bestand und der Inbegriff höfischer Repräsentation und lange Zeit unverzichtbarer Bestandteil zeremonieller Tradition an den europäischen Höfen war, wurde abgeschafft. Als ausschließlich Würdenträgern vorbehaltene Kleidung, deren fantasievolle Ausstattung, den Rang und die finanzielle Potenz des Trägers erkennen ließ, war das Mantelkleid zwar ein Vorläufer der Uniform, aber noch weit entfernt von den peniblen hierarchischen Abstufungen, die später die militärische wie die zivile Uniformierung auszeichnen sollte.

Links: Joseph II. als Jüngling im spanischen Mantelkleid, Ölgemälde, 1764/70 (Werkstatt des Hofmalers Martin van Meytens)

Rechts: Franz Joseph I als Jüngling in der Uniform eines Obersten

Aufgeweicht wurde diese Zeremoniell erstmals um die Mitte des 18.Jahrhunderts, als es Offizieren es Heeres bei Hof erlaubt wurde, in Uniform zu erscheinen. Die damit auch „modisch“ nachvollzogene Aufwertung des militärischen Standes weitete Josef II, der sich als „erster Diener seines Staates“ fühlte, dann noch weiter aus, indem er selbst die militärische Adjustierung vorzog, um seine „Staatsdienergesinnung“ zu unterstreichen. Kaiser und Offiziere traten von nun an auch bei höfischen Zeremonien stets in militärischer Uniform auf, was Würdenträger und Kaviliere, die keinen militärischen Rang hatten, ziemlich in Bedrängnis brachte. Denn der Hofrang war nun an keinem äußeren Zeichen mehr erkennbar.

Links: Livree eines Lakaien der Grafen Attems, um 1820: Im frühen 19. Jahrhundert waren die Livreen des Adels phantasievolle Kleidungsstücke, die auch der aktuellen Mode folgten. Ein charakteristisches Beispiel dafür ist diese Livree eines Dieners der Grafen Attems, die aus gelbem Tuch gearbeitet und mit weiß-blauen Blümchenborten verziert ist.

Rechts: Gala-Uniform eines k. u. k. Ministers, um 1900: 1849, kurz nach seinem Regierungsantritt, ließ Kaiser Franz Joseph für alle Staatsbeamten eine einheitliche, militärisch anmutende Uniformierung vorschreiben. Die Vorschrift wurde 1889 stark modifiziert und blieb in dieser veränderten Form bis 1918 in Kraft. Entsprechend der 1889 erlassenen Vorschrift besteht die Gala-Uniform für Minister aus Waffenrock und Hose ("Pantalon") aus dunkelgrünem Tuch. Der Waffenrock ist mit rotem Passepoil verziert. Kragen und Manschetten sind aus rotem Samt gearbeitet, der als Rangabzeichen des Ministers reich mit Gold bestickt ist. Zum Verschluss dienen vergoldete Knöpfe mit aufgelegtem kaiserlichem Doppeladler. Dazu ein Säbel mit Korbgefäß, der unterhalb des Rockes an einem ledernen Tragriemen fixiert wird.

Europaweit führte die Aufwertung der militärischen Uniform in der Folge dazu, dass auch über die Uniformierung der Zivilbevölkerung - insbesondere der Beamten, die durch den Auf- und Ausbau neuer Verwaltungen eine immer größere Rolle spielten - nachgedacht wurde. Auch in Österreich drängten die Beamten und die Angehörigen des landständischen Adels darauf, eigene Uniformen zu erhalten, um ihrem sozialen Prestige Ausdruck verleihen zu können. Einem Wunsch, dem der österreichische Kaiser erst nach 1806 schrittweise nachzukommen gewillt war, um den Adel nach den Franzosenkriegen enger an sich zu binden. Eine Uniform für Beamte und Hofdiener, wie sie etwa die Bayern nach Vorbild der Franzosen eingeführt hatten, lehnte der Wiener Hof jedoch lange Zeit ab. Erst im Zuge der Vorbereitungen des Wiener Kongresses wurde ernsthaft über Beamtenuniformen nachgedacht. Nicht zuletzt aus Repräsentationsgründen: Um den Wiener Hof in jenem Glanz zu präsentieren, der der Würde seines Herrscherhauses entsprechen sollte. Die späte Einführung von Uniformen wurde schließlich aber damit kompensiert, dass die funkelnden Monturen der Österreicher die in anderen Staaten üblichen Uniformen an Pracht bei weitem übertrafen.

Links: Livree eines Jockeys vom Daumontzug für Schimmel, 2. Hälfte 19. Jahrhundert: Jockeys waren reitende Kutscher, die jene Wägen lenkten, die für eine Anspannung "à la Daumont", also ohne Kutschbock, gebaut waren. Ihre Livreen waren auf die Farbe der jeweiligen Pferde abgestimmt: Jockey-Spenzer für Rappen oder Braune waren aus gelbem Tuch, solche für Schimmelzüge aus schwarzem Tuch gefertigt. Der hier gezeigte Spenzer aus schwarzem Tuch ist mit goldenen Kugelknöpfen und weißen Borten verziert, die den eingewebten kaiserlichen Doppeladler zeigen. Dazu trug der Jockey eine Kniehose aus weißem Leder sowie eine Schirmkappe aus schwarzem Samt mit silberner Schnur und rundum ausgelegtem Silberbouillon.

Rechts: Hof-Uniform eines k. k. Edelknaben: Die Pagen des Wiener Hofes, die man seit dem Mittelalter "Edelknaben" nannte, wurden unter den adeligen Zöglingen der Theresianischen Akademie ausgewählt. Sie nahmen an allen großen höfischen Zeremonien teil, wobei sie die hier gezeigte Uniform trugen: Sie bestand aus einem Rock aus rotem Tuch mit angesetzten Westenteilen, der reich mit geschweiften Goldborten und Goldlitzen besetzt ist. Besonders schön sind die von der linken Schulter herabhängenden Achselbänder aus schwarzer Seide mit Goldstickerei (Doppeladler und Eichenlaub-Lorbeer-Ranke) und Goldbouillon-Fransen. Zu diesem Rock trug der Edelknabe eine Kniehose und Gamaschen aus blaugrauem Tuch und einen schwarzen Dreispitz mit weißen Straußenfedern.

Einen Eindruck davon vermittelt die aus der Livree-Garderobe des Oberststallmeisteramtes hervorgegangen Monturen-Sammlung des Kunsthistorischen Museums. Durch systematische Sammeltätigkeit wurde sie in den letzten Jahrzehnten zu einer der weltweit bedeutendsten Sammlungen höfischer Kleidung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Das Monturdepot in der Wagenburg in Schönbrunn ist nicht öffentlich zugänglich. Seine Bestände werden aber regelmäßig in Sonderausstellungen gezeigt und sind jetzt auch online einsehbar.