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Dienstag, 10. Oktober 2017


Montag, 13. November 2017 um 11:37:46 von Kulturpool Redaktion

Von der Steininschrift zum 3-D-Digitalisat

Anlass
Digitalisierung der sabäischen Inschriftenabdrucke aus der Sammlung Eduard Glaser der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Dem Jemen droht eine der weltweit größten Hungerkatastrophen. In die Schlagzeilen schafft es das Land trotzdem kaum noch. Vom „vergessenen Krieg“ schrieb „Die Zeit“ schon vor fast zwei Jahren: „Durch den Syrien-Krieg, die Massaker des ‚Islamischen Staats‘ (IS) und Terroranschläge auf westliche Ziele ist der Jemen weitgehend aus der medialen Wahrnehmung verschwunden.“ Daran hat sich bis heute kaum was geändert.

Der Damm von Ma'rib, über den Eduard Glaser 1897 einen Beitrag in der "Österreichischen Monatsschrift für den Orient"  geschrieben hat, wurde in der Mitte des 1. vorchristlichen Jahrtausends errichtet. Er galt als das größte technische Bauwerk der Antike und als Wunder Arabiens. (https://archive.org/stream/oesterreichische23stuoft#page/155/mode/1up)

Der seit Jahren tobende, von schiitischen Huthi-Rebellen ausgelöste Bürgerkrieg, in dem mittlerweile alle gegen alle (um ihr Leben) kämpfen, hat das Land längst ins totale Chaos gestürzt. Zu beklagen sind nicht nur zig-tausende Tote, hunderttausende Verletzte, Vertriebene, Verhungernde, sondern - wie stets in solchen Kriegen - die Zerstörung unzähliger Kulturdenkmäler. Nicht nur zahlreiche islamische, sondern vor allem auch vorislamische, wie der alte Staudamm von Marib, der schon im Koran erwähnt wird: Ein Meisterwerk der antiken Ingenieurkunst.

Auch die (mythische) Königin von Saba wird nicht nur im Alten Testament, sondern auch im Koran erwähnt. Viele Artefakte der sabäische Kultur aber, die tief in der jemenitischen Seele verwurzelt ist, drohen nun unwiederbringlich zerstört zu werden. Wie das Museum im Hochland von Dhamar, mit seinen über 12.000 Sammlungsstücken aus der vorislamischen Epoche. Es ist, nach Bombenangriffen nur mehr ein Trümmerhaufen. Und mit ihm auch die Sammlung an vorislamischen Inschriften-Stelen, die zu den wichtigsten schriftlichen Quellen der sabäischen Hochkultur zählen.

Links: Museum von Dhamar, vor und nach dem Bombenangriff vom 21.Mai 2015, (C) Dhamar governorate, Yemen Image Credit Yemen Tourism. - Einblicke in das ehemalige Museum und seine Bestände erhält man u.a. hier: http://arabiantica.humnet.unipi.it/uploads/media/Dhamar_Regional_University_Museums.pdf

Rechts: Vermutlich zerstörte, dem sabäischen Reichsgott Almaqah gewidmete Inschrift aus der Sammlung des Museums von Dhamar

Unter den Minäern und Sabäern entwickelte sich das Gebiet des heutigen Jemen ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. als Drehscheibe des Fernhandels zwischen Ostafrika, Indien und dem Mittelmeerraum und Hauptlieferant begehrter Erzeugnisse wie Edelsteine, Gewürze, Weihrauch und Myrrhe zum politischen und kulturellen Zentrum Arabiens. Was wir heute über diese frühe, auch für die europäische Geschichte bedeutende Hochkultur wissen, verdanken wir nicht zuletzt auch einem Österreicher, einem lange in der wissenschaftlichen Community verschmähten Außenseiter der Südarabienforschung: Eduard Glaser (1855-1908).

Links: Reliefplatte mit zwei Stierköpfen, Sammlung Glaser/Kunsthistorisches Museum Wien (1. bis 3. Jahrhundert n.Chr.): Die sabäische Inschrift auf dieser Reliefplatte enthält einen Schutzzauber. Wie in vielen anderen Kulturen wurden auch in der altsüdarabischen Stierköpfen eine abwehrende Wirkung zugesprochen.

Rechts: Der Orientalist und Archäologe Eduard Glaser (Foto ca. 1882) gilt als einer der Begründer der Sabäistik. Angeregt durch den an der Universität Wien lehrenden Semitisten David Heinrich Müller (1846-1912) konzentrierte sich Glaser bald auf die Südarabienforschung, die fortan sein von vielen Schwierigkeiten geprägtes Leben bestimmen sollte. Schon bei seiner ersten Reise nach Sanaa wurde er gefangen genommen und fast ein Jahr lang inhaftiert. Zwar gelang es ihm danach freundschaftliche Kontakte zur einheimischen Bevölkerung und türkischen Beamten zu knüpfen, welche jedoch seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse auch für ihre politischen Zwecke ausnutzten. Zudem stellte die „Académie des Inscriptions et Belles-Lettres" in Paris, die Glasers Reisen zunächst finanzierte, ihre Unterstützung ein, die sie nur unter der Bedingung weiter gewähren wollte, dass Glaser das inschriftliche Material, welches er auf seinen Reisen sammelte, nach Paris bringt. Da sich im Zuge dessen auch sein akademischer Förderer David Heinrich Müller von ihm abwandte, war Glaser bei seinen Forschungen bald isoliert, das von ihm gesammelte Material fand folglich auch lange nicht die erhoffte Beachtung durch die europäische Gelehrtenwelt.

Glasers Reisen in den Jemen zählen zu den bedeutendsten Forschungsreisen, die je dorthin unternommen worden sind. Trotz größter finanzieller Schwierigkeiten, trotz aller Gefahren und Strapazen hat er zwischen 1882 und 1895 nicht weniger als vier solcher Unternehmungen durchgeführt. Die „nahöstliche Sektion“ der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums hat ihren Ursprung in den etwa 660 altsüdarabischen Objekten, die der Forschungsreisende 1895 von seiner vierten Reise in den Jemen zurückbrachte. Beträchtliche wissenschaftliche Bedeutung haben Objektgruppen wie die zum Teil sehr großen Inschriftensteine, darunter zwei Exemplare der Vertragsstele von Riyâm aus dem 3.Jahrhundert n.Chr.

Gedenkinschriften auf einer Stele des Tempels von Sirwah, eines der wichtigsten ökonomischen und politischen Zentren des Reichs von Saba zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. Diese Inschriften beziehen sich auf gebietsmäßige Neuordnungen und landwirtschaftliche Projekte. (Digitalisate von Eduard Glasers Papierdrucken aus der Sammlung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)

Auch die darüber hinaus von Glaser gesammelten altsüdarabischen Inschriften und Manuskripte sind von fundamentaler Bedeutung für die Erforschung des antiken Jemen, an deren Auswertung bis heute gearbeitet wird. Dass sie Wissenschaftern auch in Zukunft zur Verfügung stehen, ist einerseits den von Glaser angefertigten reliefartigen Papierabdrucken zu verdanken, die er nach einer selbst entwickelten Technik von den Steininschriften gemacht hat, andererseits der von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) veranlassten 3-D-Digitalisierung der Abdrucke, die im Archiv der Akademie gelagert sind, aber aufgrund von Schimmelbefall und durch Wassereinbrüche beschädigt wurden und zu zerfallen drohen oder durch suboptimale Lagerung flachgedrückt wurden. Die in etwa 2850 Inschriften-Abdrücke, die nun fortlaufend digitalisiert werden und auch über die Kulturpool-Datenbank abrufbar sind, sind nicht nur in sabäischer, sondern auch in anderen alten Sprachen der Region verfasst: in himyarisch, qatabanisch und hadhramautisch. Sprachen, die in Südarabien zwischen dem 12. Jahrhundert v. Chr. bis ins 7. Jahrhundert n. Chr. gesprochen wurden, ehe sie in der Spätantike langsam durch das Arabische verdrängt wurden. Und sie umfassen ein breites Spektrum an Themen: von Widmungen an Gottheiten über Bau- und Bewässerungsprojekte bis hin zu militärischen Feldzügen und Schlachten.

Inschrift auf einem südarabischen Grabstein mit dem Namen des Verstorbenen (Rechts: Übertragene Schriftzeichen. Übersetzung: Haza’a habt al). Quelle: Smithsonian - National Museum of Natural History -  
https://www.si.edu/museum/national-museum-of-natural-history

Die Digitalisate enthalten auch vielfältige Informationen, die für die wissenschaftliche Arbeit notwendig sind, wie etwa Abkürzungen, Alter, Provenienz, Auskunft über die jeweilige Sprache, die Qualität und die Beschädigungen der Abdrücke, Querverweise zu anderen Artefakten etc. Die Digitalisate der Sammlung ergänzen damit auch die von der Akademie der Wissenschaften herausgegebene Glaser-Schriftenreihe (https://verlag.oeaw.ac.at/kategorie_81.ahtml) mit bedeutenden Texten zur Frühgeschichte Arabiens.

Die sabäischen und himyarischen Schriften wurden im südlichen Arabien in den antiken Königreichen von Saba, Himyar, Qataban und Hadhramaut sowie den angrenzenden Gebieten gebraucht, bis sie letztlich langsam durch die spätantike arabische Neschi verdrängt wurde. _(C) 2005 by Norbert Barth (http://www.obib.de/Schriften/AlteSchriften/Afrika/himyarisch.html)_

Wenn der „vergessene Krieg“ einst beendet sein wird, die Jemeniten sich wieder daran machen können, nicht nur ihr Überleben zu sichern, sondern auch die noch erhaltenen Artefakte der sabäischen Kultur in neuen Museen und mithilfe von Dokumenten und Rekonstruktionen wieder vor Ort sichtbar zu machen, werden auch die in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gesicherten Inschriften eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.