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Freitag, 28. Juni 2019



Sonntag, 20. Januar 2019


Dienstag, 28. Mai 2019 um 11:30:11 von Kulturpool Redaktion

Frühjahrsmüdigkeit und der Schlaf in der Kunst

Anlass
Frühjahrsmüdigkeit und der Schlaf in der Kunst

Effekte einer Jahreszeit


Nikolai Petrowitsch Bogdanov Luz, W. A. (private Sammlung)
Im Garten schlafendes junges Mädchen, von strickender alter Frau bewacht
Bildarchiv, Foto Marburg, Europeana


Unbekannter Künstler/in
Frühling im Stadtpark, zwei Männer in dicken Mänteln sitzen in der Sonne und schlafen
Aus der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Ernst Jandl, Sprechgedichte: "Him Hanflang war das Wort"

früh im frühling
im frühling somm
somm in sommer
im sommer herb
herb in herbst
im herbst wint
wint in winter
im winter früh

Unter den Jahreszeiten ist es der Frühling, dem Attribute wie Energie, Aufwachen, Neuanfang zugesprochen werden. Alles blüht und entfaltet sich, das Auge kann beinahe mitverfolgen, mit wieviel Kraft die Pflanzen aufgehen, mit welchen intensiven Farbquellen diese ausgestattet werden und mit wie viel Energie diese sich selbst als auch ihr Umfeld versorgen.

So steht der Frühling metaphorisch auch für eine Phase des Aufwachens und des Neubeginns.
Analog dazu könnte man meinen, dass neben den Pflanzen auch die anderen Lebewesen gleiches verspüren und versprühen müssten. Der Mensch, der nach der kargen Winterzeit neue Kräfte braucht, um das wieder kultivierbare Land zu beackern, weil dieser den Bedarf an Lebensmittel für seine Umgebung herstellen will, befindet sich in einem Dilemma. Steckt doch dessen Organismus mitten in inneren Prozessen, die ihn beizeiten eher lähmen als stärken und die eine latente, fast chronische Müdigkeit mit sich bringen. Viele tausende Jahre Zivilisation und der Mensch hat sich noch immer nicht vollends auf den Wandel der Jahreszeit einstellen können. Warum ist das so?

Weil die Tage wieder länger werden, bringt der Frühling mehr Licht und meist auch mehr Wärme mit sich. Das bewirkt unter anderem auch, dass unser Schlaf-Wach-Rhythmus sich der neuen Jahreszeit anpassen muss während der Hormonhaushalt eine Art Frühjahrskur mit zwei seiner wichtigsten Botenstoffen vollzieht: Melatonin und Serotonin.

Was nach einer Oper von Donizetti klingen mag oder nach einer eleganten Nachspeise inklusive passendem Digestif sind zwei wirkungsvolle und essentielle Hormone, die sich während der jährlichen Übergangsphase in uns stark bemerkbar machen. Wie zwei Wächter im dauernden Betreuungswechsel, rochieren sie laufend - nicht ohne Wirkung auf den Menschen.

Melatonin, ist das Schlafhormon, welches den Tag-Nacht-Rhythmus, den sogenannten zirkadianen Rhythmus des Menschen mitbestimmt. Es entsteht in der menschlichen Zirbeldrüse, die nachts arbeitet, um Serotonin, welches im Laufe des Tages im Gehirn produziert wurde zu Melatonin zu wandeln. Bei Anbeginn der Dunkelheit bewirkt das Melatonin einen Einbruch des Energiehaushaltes, es entsteht ein Gefühl der Müdigkeit und der Mensch wird schläfrig. Der Melatonin-Spiegel steigt während der Nacht deutlich an, erreicht zwischen zwei und drei Uhr morgens seinen Höhepunkt und sinkt bei Dämmerung wieder ab, da durch das aufkommende Tageslicht die Ausschüttung des Schlafhormons gehemmt wird. Je älter man wird, desto weniger wird vom Körper Melatonin produziert. Die Folgen sind beispielsweise schlaflosere Nächte.


Peter Paul Rubens (1577 Siegen - 1640 Antwerpen)
"Einsiedler und schlafende Angelica"
Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie


Anonym nach Francesco Primaticcio (1504 Bologna - 1570 Paris)
"Juno bei dem Schlafe, um die Abreise des Odysseus hinzuhalten"
Graphische Sammlung der Albertina, Wien

Die Vorfreude auf den Schlaf

Nun kann der Mensch sich bewusst auf diesen Prozess der Umstellung einlassen und durch Adaption bestimmter Gewohnheitsmuster diese Jahreszeit so leben, dass ihn die Müdigkeit nicht unvorbereitet überfällt, sondern eher abholt im Sinne einer erwarteten Vorfreude auf Schlaf und Ruhe.


Joe J. Heydecker
Ruhepause am Marienplatz
Österreichische Nationalbibliothek


Josef Danhauser (1805 Wien - 1845 Wien)
Bei Tisch Schlafender
Graphische Sammlung der Albertina, Wien

Der Tag kann durch einen Mittagsschlaf unterbrochen werden, da längeres Tageslicht auch einen erweiterten Spielraum bedingt und die für einen Werktag aufzuwendende Energie gut eingeteilt sein will.


Joe J. Heydecker
Mittags-Schläfchen - Schlafender Popcorn-Verkäufer im Park Ibirapuera
Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Europeana Travel

Aus dieser Perspektive gibt es viele Arten des Schlafes, viele Varianten eines Aufgehens in einen anderen Bewusstseinszustand. Nach dem kulinarischen Appetit kommt der Appetit auf Schlaf. Aber Müdigkeit allein verheißt noch kein sicheres Einschlafen-Können.
Je nachdem ringen der Körper und sein Bewusstsein mit der Furcht bzw. Sorge nicht einschlafen zu können oder er stellt sich mit Freude auf die Zyklen ein, die nach dem Einschlafen das Bewusstsein durchwandern.


Schlafmatte, gerollt
Weltmuseum Wien, Afrika südlich der Sahara

Bei unterschwellig und langsam sich einstellender Müdigkeit entsteht die Vorfreude mit dem Moment an dem der Tag als abgeschlossen gilt, an dem alle Türen und Pforten geschlossen werden und auch die ständig mitlaufenden Agenden wie ein Buch zugeklappt werden. Der Kopf lässt sich auf weiche Daunen und Federn fallen, die Augen schließen sich und ein neuer Gemütszustand wird erreicht. Entspannung und freudige Erwartung auf das einschlafen und den nicht minder schönen Moment, sich bewusst in dieser Zwischenzone zu befinden, der kurz vor dem wirklichen Einschlafen ein berührender und einfacher Genuss sein kann.


Carl Pischinger (1823 Niederhollabrunn-Streitdorf - 1886 Liezen)
Schlafender
Graphische Sammlung der Albertina, Wien


Eugen Felle
Von froher Sitzung zog ich heim um Mitternacht beim Monden schein, die Häuser schwankten sehr, o Graus, jetzt schlaf ich meinen Affen aus!
Postkarte aus der Sammlung der Vorarlberger Landesbibliothek


Anonym, Albrecht Dürer zugeschrieben (1471 Nürnberg - 1528 Nürnberg) _
Christus im Schiffe schlafend
Graphische Sammlung der Albertina, Wien

Das Entgleiten in den Schlaf, das Erreichen des Träumens - Zyklen und Phasen

In der Malerei vermittelt der Anblick eines schlafenden Menschen meist den Eindruck von Ruhe und Entspanntheit. Ein verträumt ruhendes Gesicht führt einen schnell in die wesentlichen Szenen eines Gemäldes und nimmt den Betrachtenden mit in die Themenwelten, die der Traumzustand suggerieren mag.


Franz Alt (1821 Wien - 1914 Wien)
Schlafendes Kleinkind
Graphische Sammlung, Albertina Wien


Rembrandt Harmensz van Rijn (1606 Leiden - 1669 Amsterdam)
Alte schlafende Frau
Graphische Sammlung, Albertina Wien

Faszinierend, dass jeder Mensch zwei bewusstseinsändernde Momente pro Tag erlebt, durch das Einschlafen und das Aufwachen. Der ganze Ablauf lässt sich in mehrere Phasen und Zyklen einteilen.

Pro Nacht durchlaufen wir vier bis sechs Zyklen zu je ungefähr 60 bis 90 Minuten. Jeder dieser Zyklen ist von dem Ablauf von mindestens vier Schlafphasen geprägt. Alle diese Phasen haben ihre Funktion und Wirkung auf den Menschen.

In der Einschlafphase befinden wir uns in einem Zustand der Entspannung, die Hirnströme verlangsamen sich zusehends, die Muskeln lockern sich und der Puls schlägt gleichmäßig. In der Einschlafphase kann es leicht passieren, dass man durch aufkommende störende Geräusche wieder wach wird.

In der Leichtschlafphase erleben wir Muskelzuckungen sowie die Entspannung der Muskeln, wir schränken die Sinneswahrnehmungen ein und schalten das Bewusstsein ab. Die leichte Schlafphase ist die häufigste unter den Phasen, bzw. diejenige, die die meiste Zeit während des Schlafes in Anspruch nimmt. Man sagt, dass in dieser Phase viel von dem untertags Erlebten verarbeitet wird, gelerntes Wissen gefestigt wird und für die Gesundheit gestärkt wird. Gegen Ende der Nacht nimmt diese Phase die meiste Zeit in Anspruch.

Non-REM-Tiefschlafphase lässt die Muskulatur völlig entspannen und die größte Regeneration des Körpers (Schlafwandeln, Sprechen..) unter den Phasen setzt ein, unsere Wachstumshormone kümmern sich um die Erneuerung der Zellen, das Ersetzen abgestorbener Hautzellen durch neue, das Immunsystem ist aktiv und bekämpft Angreifer, das Gehirn arbeitet daran was wir an Aufgenommenem und Gelerntem über Tag behalten wollen und sortiert Unrelevantes aus. Der Stoffwechsel wird angeregt.
Wir können also sagen, dass wir in der Tiefschlafphase einerseits am entspanntesten sind, andererseits der Körper auch am aktivsten hinsichtlich der Funktionsweise des Schlafes ist.

In den ersten drei bis vier Stunden sind die Tiefschlafphasen am längsten, was mit ein Grund ist warum wir mindestens vier bis fünf Stunden Schlaf brauchen, um sich wirkungsvoll zu regenerieren.

REM-Schlafphase bedeutet viel Augenbewegung (daher REM = Rapid-Eye-Movement), lebhafte Träume sowie höheren Blutdruck und verstärkte Atmung.
Diese Phase wird auch die Traumphase genannt, da Menschen, die aus dieser Phase geweckt werden, sich häufig an ihre Träume erinnern können. In dieser Phase steigt der Herzschlag wieder, wir atmen wieder unregelmäßiger, aber Muskel sind noch entspannt, daher bleiben wir ruhig und schlagen im Traum nicht um uns, was wir bildlich und szenisch allerdings durchleben mögen.


Tamamura Kōzaburō
Schlafende Geisha
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Europeana

Der mythologische Abbildung in der Bildenden Kunst

In der bildenden Kunst wird der Schlaf häufig als Hypnos, der mythologische Gott des Schlafes dargestellt.


2. Jh. n. Chr., nach griech. Original des 4. Jhs. v. Chr.
Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung

Oft trägt er ein Füllhorn mit sich und verströmt den Schlaf bringenden Saft, oder führt ein Bündel Mohnkapseln mit sich. Häufig wird er selbst als schlafend gemalt, eventuell mit Kränzen von Schlafmohn-Blüten umgeben. Auch mit Flügeln oder Vogelschwingen, sowie mit Schmetterlingsflügel teils an den Schläfen findet man Abbildungen über die Jahrhunderte. Durchgehend in der Geschichte der Malerei findet man jedenfalls das Füllhorn, als ein immer wieder verwendetes Symbol seiner Darstellung. Falls Mohn- oder andere Zweige auf Gemälden auftauchen, scheinen diese meist vorher in den Fluss Lethe getaucht worden zu sein. Häufig finden sich Abbildungen auf Sarkophagen in sehr variierenden Darstellungen.

Hypnos ist Sohn der Nacht Nyx und der Finsternis (Dunkelheit) Erebos. Aus dieser Verbindung gehen auch der Tag Hemera und die Luft Aither hervor. Sein Bruder ist der Tod Thanatos. Hypnos wohnt in der Unterwelt (Hades) in einer laut- und lichtlosen Höhle an der Quelle des Flusses der Vergesslichkeit „Lethe“. Der Ort, an dem sich Tag und Nacht begegnen. Am Eingang seiner Höhle wachsen Kräuter mit einschläfernder Wirkung. Morpheus, Phantasos und Phobetor heißen seine Kinder, welche Götter des Traumes sind. Morpheus bedeutet „die Gestalt“, Phantasos „die Einbildung“ und Phobetor „der Schrecken“.

Hypnos besitzt die unter Göttern einzigartige Fähigkeit nicht nur die Menschen, sondern auch Götter in Tiefschlaf fallen zu lassen. Selbst den Göttervater Zeus versetzt er mehrmals in eine Art Tiefschlaf.


Anonym, Wiener Meister zugeschrieben
Gott erscheint einem schlafenden König
Graphische Sammlung der Albertina, Wien

In den Schilderungen Ovids kommt Hypnos als ein freundlicher und sanftmütiger Gott vor, der die Menschen unterstützen will. Als Gegenleistung nimmt er die Menschen durch die Anrechnung der Hälfte ihrer Lebenszeit in Form von Schlaf quasi in Besitz.


Giulio Carpioni (1613 Venedig - 1679 Vicenza)
Iris als Botschafterin im Reich des Hypnos
Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie

In der griechischen Mythologie steht für den Traum neben seinen mythologischen Geschwistern in erster Linie Morpheus.

Morpheus kann sich in ein beliebiges menschliches Lebewesen verwandeln („morph“ bedeutet im alten Griechisch wandeln, gestalten, siehe auch Morphologie) und dem Menschen im Traum erscheinen. Meist tritt er in der Gestalt eines geflügelten Dämons in Erscheinung und trägt Schlafmohnkapseln mit sich. Zwiegespalten zwischen positiver Assoziation und Abbildungen mit denen Morpheus mit bösen Eigenschaften und Absichten konnotiert wird, spiegeln viele Kunstwerke die Grenzen von gesundem und erholsamem Traum und Albträumen wider. Mehrere Kulturkreise verehren Morpheus als ihren Gott des „einschlafenden Sterbens“.

Die Redewendung „In Morpheus Armen“ will meist den Schlaf bezeichnen und stellt wohl in diesem Zusammenhang ein Missverständnis dar, da eher das Einschlafen mit diesem Zitat bezeichnet werden soll, als der Traum. Ob die zwei Götter in dieser Hinsicht in einen Zuständigkeits- oder in einen frühen Vater - Sohnkonflikt gerieten, ist nicht überliefert.


Jean Lepautre, herausgegeben von P. Mariette
Déiphobe wird von den Griechen im Schlaf ermordet
MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst, Ornamentstichsammlung