Hampelfrau

Nachlass Brigitte Aloise Roth an der basis wien

Der fotografische Nachlass von Brigitte Aloise Roth (1951-2018) wird im Archiv von basis wien bewahrt. Rund 12.000 im Zuge der Erschließung digitalisierte Fotografien dokumentieren künstlerische Positionen und feministische Interventionen und geben Einblick in das soziale und politische Leben von den 1970er-Jahren bis in die frühen 2000er-Jahre.

Wer war Brigitte Aloise Roth?

Brigitte Aloise Roth (1951–2018) war eine Wiener Künstlerin, Fotografin, Pädagogin, Feministin und Umweltaktivistin, deren Arbeit eng mit gesellschaftspolitischem Engagement verbunden war. In ihrem Nachlass spiegeln sich künstlerische Praxis, feministische Netzwerke, Protestkultur und alltägliche Beobachtungen über mehrere Jahrzehnte hinweg wider.

Vom Atelier ins Archiv

Brigitte Aloise Roth, geboren 1951 in Wien, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Wien und St. Pölten (in Niederösterreich) und war als Künstlerin, Pädagogin, Fotografin, Feministin und (Umwelt-)Aktivistin aktiv.

Nach ihrem Tod im Jahr 2018 sicherte die Künstlerin Susanne Kompast, Freundin und Weggefährtin von Brigitte Aloise Roth, den gesamten fotografischen Nachlassbestand, klärte Rechtsfragen und trat mit dem Archiv und Dokumentationszentrum basis wien in Kontakt. 

Ursprünglich aus Platzmangel nur zur Zwischenlagerung gedacht, befindet sich der Bestand seit 2021 im Archiv der basis wien und konnte dort im Rahmen der Digitalisierungsoffensive als Teil des kulturellen Erbes Österreichs erschlossen werden.

In 45 Archivboxen (Dossiers) bewahrt, finden sich darin hauptsächlich Negative, Fotografien und Kontaktabzüge, weiters Notizbücher, Kalender, Korrespondenzen und schriftliche Dokumente, Ausstellungsinformationen, Plakate und Einladungen.

Geknüpfte Erinnerungen

Neben großformatigen Plakaten umfasst dieses Konvolut Bildtafeln – auf großformatige Papierträger kaschierte Fotografien, die vermutlich für Ausstellungen, Präsentationen oder für Lehrveranstaltungen von Brigitte Aloise Roth hergestellt wurden.

Erhalten sind originale Protestschilder von Demonstrationen sowie Teile des im öffentlichen Raum aufgespannten ‚Netz‘. Das aus Wollfäden und Loseblättern geknotete Objekt wurde erstmals 1997 beim Frauenparlament präsentiert. In der Folge wurde es von Brigitte Aloise Roth anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März über mehrere Jahre hinweg – unter Mitwirkung unterschiedlicher Gruppen und Mitstreiterinnen – im Wiener Stadtraum aufgespannt.

Die für den Nachlass programmierte Website bietet einen chronologisch strukturierten Zugang zu bislang rund 12.000 digitalisierten Fotografien, die unter der Lizenz CC BY-NC-SA veröffentlicht wurden. Beginnend mit dem Jahr 1971 lassen sich in Form einzelner Alben Werkzusammenhänge, Reisen und thematische Schwerpunkte nachvollziehen. Die Titel der Alben folgen, soweit vorhanden, den originalen Beschriftungen der Negativhüllen, wie ÖBB, 1971.

Stillstand und Bewegung

Die frühen Arbeiten aus den 1970er Jahren dokumentieren Reisen innerhalb Österreichs als auch nach Italien, England und in andere Länder. Neben Stadtansichten, Architekturaufnahmen und Alltagsszenen finden sich Fotografien der Design- und Möbelmesse Eurodomus, 1972 sowie der Fiat-Autofabrik, in Turin 1972. Diese Aufnahmen verweisen bereits auf Roths ausgeprägtes Interesse an urbanen Räumen, industriellen Strukturen und sozialen Situationen.

In dieser Zeit studiert Brigitte Aloise Roth an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien Gebrauchsgrafik, Illustration und Fotografie sowie Lehramt für bildnerische Erziehung und Werkerziehung. 

Ein herausragendes Beispiel ihrer frühen künstlerischen Auseinandersetzung ist die 1974 entstandene Arbeit Hampelfrau

Sophia Rohwetter schreibt in einem Brigitte Aloise Roths Arbeiten gewidmeten Text im Magazin disclaim unter anderem über diese Arbeit:

Brigitte Aloise Roths Fotografie Hampelfrau (ursprünglich 1974) ist ein mit Langzeitbelichtung aufgenommenes Selbstporträt als schlenkernde Foto-Gliederpuppe. Kopf und Oberkörper hängen scheinbar unbewegt vor dunklem Hintergrund an einem hellen Faden, während Arme und Beine als separat bewegliche Elemente – mit Flügelklammern an Schultern, Ellenbogen, Becken und Knien befestigt – durch Mehrfachbelichtung und Bewegungsunschärfe vervielfacht sind. Die Gliedmaßen fächern sich seitlich um den Torso auf und folgen den schematisch-mechanischen Bewegungen eines Hampelmanns: Die angewinkelt erhobenen Armen strecken sich nach unten, die Beine öffnen sich in einer Abfolge übereinandergelegter Positionen mit variierenden Spreizwinkeln immer weiter. Die fremdgesteuerte Dynamik der hampelnden Extremitäten erscheint seltsam unkontrolliert und steht im Kontrast zu dem ruhigen, selbstpräsenten Blick der Hampelfrau, wodurch eine Spannung zwischen Stillstand und Bewegung, Aktivität und Passivität entsteht.
– 
Rohwetter, Sophia Roxane (2025): Archiv: Die Hampelfrau. In: dis/claim. Online: https://disclaim-magazine.com/5-Archiv (abgerufen am 20.04.2026).

Die Bühne als Bildraum

Von Mitte bis Ende der 1970er-Jahre verbrachte Roth Zeit in England. Dort lernte sie die 1974 gegründete Künstlergruppe 'The Ting' (Theater of Mistakes) kennen und begleitete über Jahre mehrere ihrer Performances fotografisch. Im Nachlass finden sich hierzu ausführliche Dokumentationen, wie etwa zur Performance 'The Ting. A Waterfall' (1977)

Auch das Wiener Kunst- und Theatergeschehen der späten 1970er bis 1990er Jahre ist im Nachlass umfassend dokumentiert. Darunter finden sich beispielsweise Fotografien von Aufführungen im Schauspielhaus Wien, wie Shadow Box 1979 oder Othello 1980, der Gruppe 80 oder von André Hellers Flic Flac (1982), dabei findet sich u.a. eine detaillierte Dokumentation des umfassenden Aufbaus der Inszenierung, die 1982 im Wiener Konzerthaus stattfand.

Im Zentrum des Wiener Kunstbetriebs

Für das Archiv und Dokumentationszentrum basis wien von besonderer Relevanz sind zudem die im Nachlass aufgefundenen Fotografien von Ausstellungseröffnungen und Performances im Wiener Kunstfeld.

So fügen sich etwa die Fotografien der Ausstellungseröffnung von Meret Oppenheim in der Galerie nächst St. Stephan als wertvolle Ergänzung in den bereits bestehenden Datenbestand ein. Ebenso konnte die Dokumentation der ersten in der Galerie Peter Pakesch gezeigten Ausstellung von Hermann Nitsch durch Fotografien von Brigitte Aloise Roth wesentlich erweitert werden. Dies gilt gleichermaßen für das am 9. und 10. März 1982 in der Galerie Peter Pakesch veranstaltete Orgien Mysterien Theater, das im Nachlass ebenfalls umfangreich dokumentiert ist. 

Brigitte Aloise Roth und DIE DAMEN

Mit der Künstlerin Ona B. verband Brigitte Aloise Roth eine langjährige Freundschaft und Arbeitsbeziehung. Im Zuge der Erschließung fanden sich Fotografien der ersten von Ona B. eröffneten Ausstellung Ona B. Chat Chat Chat (1982) ebenso wie Aufnahmen zur 1989 in der Secession Wien stattgefundenen Performance der Künstlerinnen Ona B., Birgit Jürgenssen, Evelyne Egerer und Ingeborg Strobl, die als legendäre Künstlerinnengruppe DIE DAMEN am 18. April 1989 unter dem Titel Die Damen. postmodern in der Secession Wien performten. 

Brigitte Huck schreibt dazu 2013: „Die Terrains weiblicher Berufstätigkeit sind ein immer wiederkehrendes Motiv. „Es war die Zeit, als die Frauen, die in der Wirtschaft arbeiteten, begonnen hatten, nicht nur wie Männer zu agieren, sondern sich auch so zu kleiden: Businesskostüme, Hosenanzüge etc." (Ingeborg Strobl). Den neuen „executive style“ zelebrieren DIE DAMEN 1989 in weißen Hemdblusen, Krawatten und Brillen in der Wiener Secession.

Als sich die Türen zum verdunkelten Hauptraum öffnen, wird das Publikum von einem visuell spektakulären Tableau überrascht: Vier Schreibtische und von der Decke hängende Industrielampen genügen, um groteske Komödie und die Schrecken der Bürokratie zu einer absurd-kafkaesken Dystopie zu vereinen.

Der Abend geht als Geburtsstunde der Marke DIE DAMEN in die Performancegeschichte ein. Zu einem eigenen und sehr speziellen Kapitel werden sich Einladungen und Editionen entwickeln, die anlässlich einzelner Events produziert, verkauft oder als Give-aways verschenkt werden. Die sinnigen Verweise aufs gestellte Thema sind trockene Kommentare, klug, prägnant und voll abgründigen Humors.
– Huck, Brigitte: Die Damen. Verlag für moderne Kunst, 2013, S. 53

Von Freund:innen, Katzen und Andy Warhol

Im Nachlass fanden sich auch Ausstellungsansichten der 1978 im Künstlerhaus Wien gezeigten Ausstellung Robert Maria Stieg. Unvollkommen Möbelhaftes

Im April 1981 fand im 20er Haus, Museum moderner Kunst, die Eröffnung der Ausstellung von Andy Warhol statt. Aus diesem Zusammenhang sind rund 90 Fotografien aus dem Nachlass von Brigitte Aloise Roth digital erschlossen und öffentlich zugänglich. 

Auch die Performances der Ausstellung fluxus happening in der Galerie Krinzinger im Jahr 1990, die unter anderem Carolee Schneemann in Wien zeigen, wurden von Brigitte Aloise Roth fotografisch dokumentiert und erweitern den Bestand um eine wesentliche visuelle Quelle zur Wiener Performance- und Ausstellungsgeschichte. 

Neben kulturellen und institutionellen Kontexten eröffnet der Nachlass auch einen intimen Blick auf Roths soziales Umfeld und ihre Zuneigung zu Tieren, allen voran Katzen Katze auf Motorhaube, Katzenbabys, Jungkatzen. Porträts von Künstlerkolleg:innen, Freund:innen und Weggefährt:innen wie Peter Putz im Atelier, Minna Minna Antova stehen neben Aufnahmen von Alltagsszenen, Plakat- 1983, 1992 und Wahlwerbungen 1990, urbanen Veränderungen, Baustellen, Verkehrsunfällen, etc. und werden so zu Dokumenten eines spezifischen historischen Zeitgeists und zeugen von politischer Aufmerksamkeit.

Frauenrechte und Widerstand im Stadtraum

Unermüdlich setzte sich Brigitte Aloise Roth für Frauenrechte und feministische Agenden ein, sie organisierte und dokumentierte Demonstrationen und Aktionen in Wien. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass Baumfällungen im 13. Bezirk verhindert werden konnten. 

Ihre Verbundenheit zum Kastanienbaum vor ihrem Fenster in der Premreinergasse, der noch heute dort steht, wird durch die Fotos Frühling, Sommer, Herbst, Winter sichtbar.

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