Unter unseren Füßen
OÖ Erdstallzentrum Tollet Unterstetten
Das OÖ Erdstallzentrum Tollet Unterstetten macht die verborgene Welt der Erdställe sichtbar und erlebbar. Der Erdstall in Unterstetten wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet - von der 3D-Erfassung bis zum physischen Modell. So entsteht ein vielseitiger Zugang zu einem einzigartigen unterirdischen Bauwerk.
Rätselhafte Unterwelten des Mittelalters
Ein Erdstall ist eine vor etwa 800 Jahren von Menschenhand gebaute Höhle unter einem Wohnhaus und weist Eigenschaften wie verschiedene Kammern, Schlupf-Verbindungen und Sitznischen auf.
Jede Befahrung zerstört diese in Lehm oder Granitgranulat gehauenen Gebilde. Dieses Kulturgut gilt es zu schützen. Gleichzeitig möchte das Erdstallzentrum diese Thematik der breiten Öffentlichkeit digital und analog präsentieren. In Unterstetten (Bezirk Grieskirchen/Oberösterreich) ist das Museum; dort finden Vorträge und Führungen statt.
Befahrbare Erdställe gibt es jeweils etwa 30 in Oberösterreich, Niederösterreich oder Bayern. Der Zweck dieser Bauten ist nicht eindeutig bestimmt: Zufluchtsort bei Überfällen, Speisekammer oder kultische Stätte sind mögliche Erklärungen. Durch vergleichende Forschungen von Besiedlungsbewegungen, Dokumenten, Datierungen lassen sich zutreffende oder weniger zutreffende Ideen unterscheiden.
1998 erfolgte eine topografische Vermessung mit herkömmlichen Mitteln (Maßband, Schnur, Winkelmesser) und daraus die Anfertigung der Skizze des Längsschnitts des Erdstalls Unterstetten. Damit wird die Ausdehnung in der Länge (37 m) sowie Tiefe (7 m) erkennbar. Der Grundriss zeigt die Anordnung um den Bauhilfsschacht sowie die unterschiedlichen Niveaus der Räume mit Ab- und Aufstieg durch die 40 cm-Schlupfe. Der Erdstall ist ohne Luftzufuhrkanäle und nur vom Raum 1 aus befahrbar. Der jetzige Einstieg ist jener, der zur Entdeckung des Erdstalls 1993 führte, der Ort des Originaleinstiegs liegt wahrscheinlich 1-2 m südwestlich davon.
Wie ein Erdstall entstand
Im 3D-Scan sind die sieben Räume, die Verbindungsschlupfe sowie der jetzige Einstiegsschacht erkenntlich. Deutlich zu sehen ist die Anordnung um ein zentrales Loch. Dort befand sich während der Erbauung der Bauhilfsschacht, von dem aus die angrenzenden Räume gegraben wurden. Dann wurden die Räume durch die Schlupfe verbunden und schließlich der Bauhilfsschacht mit dem Aushubmaterial wieder verschüttet. Somit bleibt als einziger Begehungspfad der Weg über die nacheinander angereihten Räume und Verbindungsschlupfe.
Verborgene Architektur
In der Gesamtübersicht über die Anlage wird die oberirdische Landschaft, der Bauwagen, die KFZs und die Lage des unterirdischen Erdstalls ersichtlich. Die Errichtung erfolgte unterhalb des Wohngebäudes: Hier wurde in den letzten Jahrzehnten Erdmaterial abgetragen, welches für andere bauliche Maßnahmen gebraucht wurde. Die Gesamtübersicht wurde aus mehreren Einzelscans mittels LiDAR Leica BLK360 zusammengestellt. Dadurch wird die räumliche Beziehung zwischen der heutigen Oberfläche und den verborgenen unterirdischen Strukturen anschaulich sichtbar.
Der Erdstall zum Anfassen
MOBES - Mobiler Erdstall Scanner: Ein per Hand geführtes mobiles Gerät, welches in der Enge des Erdstalls und Schlupfe durch eine Kombination von mehreren Messverfahren (Stereo of Motion, Telemetrie, LiDAR, Gyroskope) durch Abscannen der Oberfläche 3D-Messdaten des Bauwerks mit RGB-Farbwerten für jeden Messpunkt erfasst. Aufnahmesequenzen der einzelnen Räume werden durch überlappende Bereiche zu einem Gesamtmodell zusammengesetzt.
Aus den Messdaten von MOBES wurden 3D-Drucke des Modells des Erdstall Unterstetten angefertigt. Diese zeigen anschaulich die Verhältnisse und Anordnungen der sieben Räume und sechs Verbindungsschlupfe. Im Modell ist auch die Position des zentralen Bauhilfsschachts erkennbar.
Schutz im Untergrund
Durch den 3D-Scan des gesamten Erdstalls wurden auf der Innenseite des Schlupfs von Raum 2 Richtung Raum 1 Ausnehmungen entdeckt, die den Einsatz einer Sicherungstür nahelegen. Diese Tür wird gegen die gegenüberliegende Wand (dort befinden sich zwei entsprechende Nischen) abgestützt. Zusätzlich bleibt eine kleine Ausnehmung frei, durch die ein Eindringling mittels Lanze am Fortkommen gehindert werden kann.
Eine Besonderheit bildet der Verschlussstein im Raum 5: Dieser ist größer als der Schlupfdurchmesser zum Raum 4. Dieser kann auf den Schlupf gelegt werden, dann noch mit Körpergewicht und dem Abstemmen gegenüber der Decke des Raum 5 zusätzlich beschwert werden. Damit ist es Eindringlingen von Raum 4 in den darüberliegenden Raum 5 nicht möglich, dieses Hindernis in kurzer Zeit zu überwinden. Personen ab Raum 5 sind dadurch geschützt.