Dem Vergessen entrissen

Archäologische Funde aus dem Bereich des ehemaligen Zwangsarbeitslagers Liebenau (Graz)

Im Rahmen des Projekts „Dem Vergessen entrissen – Digitalisierung persönlicher Objekte aus dem Bereich des ehemaligen Zwangsarbeitslagers Liebenau“ wurden von der Stadtarchäologie Graz am Graz Museum 350 archäologische Fundstücke inventarisiert und (3D-) digitalisiert. Die Gegenstände stammen aus archäologischen Grabungen, die in den Jahren von 2017 bis 2022 auf dem Gelände des ehemaligen nationalsozialistischen Zwangsarbeitslagers in Graz-Liebenau durchgeführt wurden. Geborgen wurden sie aus wiederverfüllten Bombentrichtern, Müllgruben und Schuttschichten in verschiedenen Bereichen des ehemaligen Lagerareals.

Geschichte eines Ortes und seiner Funde

Das Lager Liebenau wurde im Winter 1940/41 auf einem zuvor unverbauten Areal am linken Ufer der Mur errichtet. Zunächst diente es als Lager für umgesiedelte ‚volksdeutsche‘ Familien, aber schon bald wurde es zur Unterbringung von Zwangsarbeiter:innen verwendet, die im Werk der Steyr-Daimler-Puch AG am gegenüberliegenden Murufer arbeiten mussten. Kurz vor Kriegsende kam es im Zuge der Todesmärsche ungarischer Jüdinnen und Juden, die vom sogenannten ‚Südostwall‘ über Graz zu den Konzentrationslagern Mauthausen und Gunskirchen getrieben wurden, auch im Lager Liebenau zu Ermordungen.

Obwohl das Lager während des Nationalsozialismus auf einem davor ungenutzten Areal errichtet worden war, umfasst das Fundmaterial auch ältere Gegenstände, die zum Teil aus dem 19. Jahrhundert stammen. Ebenso gibt es auch Objekte aus der Zeit nach 1945. Die älteren Objekte stehen wahrscheinlich mit der Nutzung des Gebiets im 19. Jahrhundert als Mülldeponie in Zusammenhang, während die jüngeren Gegenstände davon herrühren, dass das Areal seit seiner Nutzung als Umsiedler:innen-/Zwangsarbeitslager durchgehend besiedelt ist.

Im Folgenden werden zwei Objekte näher vorgestellt.

Ein Kamm als Stück persönlicher Identität

Der fragmentarisch erhaltene Kamm der Zwangsarbeiterin Vlasta Široka ist einerseits ein industriell gefertigtes Massenprodukt aus Kunststoff, das durch seine günstige Herstellung für viele Menschen leicht erschwinglich war. Andererseits ist er, nicht nur aufgrund der Besitzinschrift, ein sehr persönliches Objekt.

Vlasta Široka kam 1944 als junge Frau nach Graz und wurde zur Arbeit als Hilfsarbeiterin gezwungen; welchem Betrieb sie zugeordnet war, ist nicht bekannt. Den Kamm dürfte sie gemeinsam mit anderen persönlichen Gegenständen aus ihrer Heimat mitgebracht haben. Sein Besitz war ihr so wichtig, dass sie ihren Namen auf beiden Seiten einritzte; möglicherweise half er ihr, ein Stück persönliche Identität zu bewahren.

Frozen Charlotte

Ab 1850 wurden in deutschen Porzellanfabriken Puppen hergestellt, die gewaschen und gebadet werden konnten. Da sie relativ günstig waren, konnten auch weniger begüterte Familien diese Puppen kaufen, wodurch sie rasch große Verbreitung fanden. Der spätere Name „Frozen Charlotte“ bezieht sich auf die Figur einer jungen Frau in einer amerikanischen Ballade, die am Weg zu einem Neujahrsfest erfriert.

In welchem Zusammenhang die Puppe mit dem Lager steht, lässt sich nicht eindeutig klären. Möglicherweise gehörte sie bereits im 19. Jahrhundert einem Grazer Kind oder wurde 1940 von einer Umsiedlerfamilie mitgebracht. Sie könnte aber auch dem Kind einer Zwangsarbeiterin gehört haben, oder einem der Kinder, die nach Kriegsende mit ihren Familien als Flüchtlinge im Lager lebten.

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