Land der (Daten)Hämmer zukunftsreich?

Nachlese zum Kulturpool Stakeholder Forum 2026

Was es Österreich bringt, sein digitales Kulturerbe zu vernetzen – darüber diskutierte die Kulturpool-Community beim Kulturpool Stakeholder Forum 2026 am 5. und 6. Mai im kärnten.museum in Klagenfurt.

Wertvolle Momentaufnahme

Die roten Spritzer zu seinen Füßen erinnern an Blut. Andere Botschaften sind eindeutiger und auch die vielen Kraftausdrücke sind unübersehbar. Rund um das Reiterstandbild von Robert E. Lee im US-amerikanischen Richmond entsteht im Sommer 2020 ein Ort für Protest und Erinnerung. Unzählige Menschen hinterlassen nach der Ermordung von George Floyd im Mai 2020 im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung ihre Spuren auf dem Monument des Konföderierten-Generals – als Ausdruck von Protest, Trauer und Selbstermächtigung.

Viele von ihnen fordern, die Statue einzureißen – mit Erfolg. Heute erinnert im Stadtzentrum nichts mehr an die Statue, doch mit dem unliebsamen Reiter wurden auch die Spuren dieses historischen Protests entfernt. Für den Künstler Terry Kilby stellte das  besprayte Denkmal jedoch ein wichtiges kulturelles Erbe dar und er beschloss, ein 3D-Modell davon anzufertigen. Dank des digitalen Zwillings von Robert E. Lee sind die Botschaften der Protestbewegung nun auch für künftige Generationen und Forschende zugänglich – bis ins kleinste Detail. 

 

Computational Museology

Für die Museologin Sarah Kenderdine (ÉPFL) sind Initiativen wie diese Zeichen dafür, wie die Digitalisierung von Kulturerbe einen gesellschaftlichen Mehrwert bringt. Dabei geht es um mehr als das bloße Erhalten und Bewahren von Objekten. Kulturerbe aufwändig und professionell zu digitalisieren, heißt auch, eine Menge an Daten zu gewinnen, die idealerweise vielseitig genutzt werden können. So wird etwa der gescannte General bei Installationen interaktiv erkundet und für die Geschichtsvermittlung genutzt. Mithilfe von Augmented Reality-Technologie können wir jederzeit die bemalte Statue über das eigene Handy am Ort unserer Wahl errichten und fotografieren. Das bringt den Protest gegen Rassismus und Hass mit wenigen Klicks in die eigene Nachbarschaft.

Kenderdine holte das Monument ebenfalls zu sich nach Lausanne, wo sie als Direktorin der ÉPFL Pavillons Kunst, Forschung und Technologie einen Raum gibt.  Bei ihrem Eröffnungsvortrag des Kulturpool Stakeholder Forum 2026 im kärnten.museum in Klagenfurt gewährte die Digitalpionierin den Teilnehmenden einen Einblick in ihre faszinierende internationale Ausstellungsarbeit.

In diesem Kontext stellte sie auch vor, warum computergestützte Museumsforschung und -arbeit neue Perspektiven und Möglichkeiten für Institutionen und Besucher*innen bietet. Dabei gehe es nicht darum, Geschichte und Kultur nur mehr durch einen Bildschirm zu erleben. Vielmehr soll das Digitale dabei helfen, mit dem Kulturerbe in Kontakt zu treten. Unter dem Slogan “Designing for public engagement” zeigte Kenderdine auf, wie digitale Tools dazu beitragen, die Vergangenheit gemeinsam – oftmals auch spielerisch – zu erkunden.

Ich habe selten eine Veranstaltung erlebt, die genau diesen Schnittpunkt der digitalen Welt mit der Kunst und Kultur so in den Mittelpunkt stellt.

LHStv. Gaby Schaunig (Land Kärnten)

Macht / Daten / Sprache

Für das vielfältige Programm des diesjährigen Forums bot Kenderdines Vortrag viele Denkanstöße zum Umgang mit Kulturerbedaten in Österreich: Das Schwerpunktthema der zweitägigen Veranstaltung lautete „Macht / Daten / Sprache“ und setzte sich mit der Frage auseinander, welche Herausforderungen die Öffnung und Vernetzung von Kulturerbedaten mit sich bringen. 

Knapp 100 Vertreter*innen aus über 60 Institutionen aus ganz Österreich folgten der Einladung des Bundesministerium für Kunst und Kultur (BMWKMS) mit dem Kulturpool, der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), der Topothek und dem Kärnten.Museum. Eröffnet wurde die Veranstaltung in Klagenfurt durch Landeshauptmann-Stellvertreterin Dr.in Gaby Schaunig. Sie hob in ihren Eröffnungsworten hervor, wie wichtig die Datenqualität ist, um Inhalte von generativer KI unterscheiden zu können. Die Datenmenge, die jeder Mensch täglich produziere, bilde eine enorme Herausforderung, die sich auch im Alltag zeige: „Ich besitze so viele Fotos, wie ich noch nie besessen habe, aber ich schaue mir immer weniger davon an,“ gibt Schaunig zu bedenken. Ein Austauschformat wie das Kulturpool Stakeholder Forum würde den drängenden Fragen der Digitalisierung einen wichtigen Raum geben, zeigt sich Schaunig überzeugt. „Ich habe selten eine Veranstaltung erlebt, die genau diesen Schnittpunkt der digitalen Welt und Kunst und Kultur so in den Mittelpunkt stellt“, so Schaunig.

Wolfgang Muchitsch, Direktor des Kärnten.Museum, hob in seinen Begrüßungsworten die Macht der Sprache hervor. Sprachliche Vielfalt sei demnach als Reichtum und Chance zu verstehen. Die anfängliche Skepsis gegenüber Digitalisierung in vielen Museen sei glücklicherweise inzwischen überwunden. Die Museen sollten sich aber verstärkt ihrer Wirkmacht, basierend auf ihren Objekten und dem verbundenen Wissen, bewusst werden, appellierte Muchitsch. 

Lokales Wissen digital vernetzen

Als Vorprogramm zum Eröffnungsabend widmeten sich zwei parallele Workshops den Fragen, wie digitale Mittel und Infrastrukturen dazu beitragen können, Erinnerung und Zugänglichkeit von Kulturerbe zu gestalten. Im Mittelpunkt eines Vernetzungstreffens der Topotheken stand das Zusammenwirken von Bürger*innen und wissenschaftlichen Akteur*innen in der Dokumentation von Geschichte.

Topotheken zeigen, wie partizipative Projekte die Wissensproduktion fördern und lokale Perspektiven sichtbar machen. Zugleich gilt es, Herausforderungen bei der Metadatenqualität und rechtliche Unsicherheiten zu überwinden sowie die Rolle von KI und semantische Technologien zu diskutieren.

In der anschließenden Diskussion mit Toptheken-Initiator Alexander Schatek wurde deutlich, dass es neben der technischen Standardisierung und Weiterentwicklung auch einen besseren Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und ehrenamtlichen Laien benötigt. Denn trotz bestehender Spannungsverhältnisse brauche es diese Zusammenarbeit, um lokales Wissen verantwortungsvoll zu erschließen und sichern.

FAIRantwortung

Verstehen wir Daten im Museum als einen Hammer, dann können wir damit entweder ein schönes Bild aufhängen oder damit eine Vitrine einschlagen. Die Entscheidung, wie wir die Macht der Daten nutzen, liegt in unseren Händen. Mit diesem Vergleich brachte Angela Wieser (FFG) den Schwerpunkt des FFG-Workshops zu „Macht, Daten, Erinnern“ auf den Punkt.

Diskutiert wurde, wie europäische Programme und Netzwerke Innovation und Verantwortung im digitalen Kulturerbe verbinden können. Daraufhin stellte Cathrin Steiner (Fluxguide) das EU-Projekt MEMORISE vor. Präsentiert wurden neue digitale Ansätze zur Vermittlung des kulturellen Erbes aus der NS-Zeit sowie deren gesellschaftliche und ethische Implikationen. Besonders jüngere Zielgruppen, denen der direkte Kontakt zu Überlebenden und Zeitzeug*innen verwehrt bleibt, könnten durch neue Methoden erreicht werden. 

Projekte wie diese zeigen auf, wie wichtig hochqualitative Daten und der verantwortungsvolle Umgang mit diesem Erbe sind. Als Richtschnur bieten u.a. die FAIR Data-Prinzipien Orientierung. Demnach sollen Daten zum Kulturerbe auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar sein – Anforderungen, die in der Praxis auch erheblichen Aufwand für Kulturerbeeinrichtungen mit sich bringen. 

Auf Reisen ins Digitale

Der zweite Tag des Forums stand im Zeichen von Kompetenzen und Infrastrukturen, die für die bessere Vernetzung von Daten im Kulturerbesektor benötigt werden. In ihren Begrüßungsworten hob Katrin Vohland, Generaldirektorin des Naturhistorischen Museum Wien, die Bedeutung menschlicher Bewertungsfähigkeit hervor. Museen müssten gerade im Hinblick auf Künstliche Intelligenz verstärkt Kompetenzen aufbauen, um handlungsfähig zu bleiben.

Der Kulturpool am NHM Wien begleite seine Partnerinstitutionen verlässlich „auf der langen Reise ins Digitale“, ergänzt Doris Wolfslehner (BMWKMS). Workflows und Infrastrukturaufbau müssten hierbei Hand in Hand gehen, so Wolfslehner mit Verweis auf die aktuelle Förderausschreibung zur Digitalen Transformation (Einreichfrist 31. August 2026), deren Fokus auf Datenqualität liegt.

Der Vortrag von Sören Auer, Professor für Data Science and Digital Libraries an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover und Direktor der TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften in Hannover, veranschaulichte in der Folge, wie Wissensgraphen und semantische Technologien Kulturdaten in vernetztes Wissen überführen können. Angesichts halluzinierender Large Languague Modelle würde dieses vernetzte Wissen maschinelle Denkprozesse ergänzen und ihnen beim Überprüfen bzw. Kontextualisieren helfen. Auer wies auf die Wichtigkeit der FAIR-Prinzipien für die Nachhaltigkeit von vernetzten Daten hin und zeigte auf, wie Linked Open Data-Ansätze dabei helfen, Sammlungen institutionenübergreifend zugänglich und analysierbar zu machen.

Messy, but beautiful?

Die erste Lightning-Talk-Session des Tages beleuchtete daraufhin unterschiedliche Perspektiven auf Datenqualität, Zugänglichkeit und Wissensorganisation in der institutionellen Praxis: Beate Guba (TU Wien Bibliothek) diskutierte die Bedeutung kuratierter Vokabulare als Grundlage interoperabler Wissensinfrastrukturen und wies darauf hin, wie fragmentiert semantische Standards bislang sind. Anna Högner (Österreichisches Filmmuseum) zeigte, wie mit dem Datentool OpenRefine „messy data“ bereinigt, analysiert und an Normdaten angeschlossen werden können. Eva Mayr und Florian Windhager (UWK) stellten das Konzept der „Generous Interfaces“ vor, das digitale Sammlungen als offene, einladende Erfahrungsräume gestaltet und Fragen von Sichtbarkeit und Teilhabe in den Fokus rückt. Martina Trognitz (ACDH/ÖAW) problematisierte schließlich die Diskrepanz zwischen offenen Metadaten und eingeschränkten Nutzungsrechten bei Digitalisaten und plädierte für einen reflektierten Umgang mit Gemeinfreiheit und Lizenzierung. Daraufhin entwickelte sich eine lebhafte Debatte zu Fragen der Verwertung und Nachnutzung von Kulturerbedaten.

Wie mächtig sind Metadaten?

Die zweite Keynote des Tages kam von Clemens Apprich, Vizerektor der Universität für Angewandte Kunst. Darin zeigte der Medientheoretiker wie digitale Technologien unser Verständnis von Erinnerung verändern. Daten werden als gestaltbares Material für Kritik und künstlerische Praxis verstanden. Apprich forderte einen offeneren und mutigeren Umgang mit der künstlerischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Kulturerbe und Gedächtnis. Archive seien dabei nicht als passive Speicher, sondern vielmehr als sich ständig aktivierende Systeme zu verstehen.

Die Lightning-Talk-Session beleuchtete daraufhin unterschiedliche Formen der Kontextualisierung, Vermittlung und Vernetzung von vielfältigen Kulturdaten: Claudia Feigl (Universitätsbibliothek Wien) zeigte am Beispiel historischer Karten, wie visuelle Darstellungen Machtverhältnisse und Ideologien transportieren und welche Strategien für einen kritischen Umgang bei Erschließung und Digitalisierung notwendig sind. Gabriele Fröschl (Österreichische Mediathek) stellte mit dem audiovisuellen Atlas ein Projekt vor, das Ton- und Bildquellen ortsbasiert zugänglich macht und neue immersive Zugänge zur Kultur- und Zeitgeschichte eröffnet. Zuletzt präsentierten Julian Palacz und Sebastian Wolff (Naturhistorisches Museum Wien / Kulturpool) eine KI-gestützte Lösung zur Harmonisierung heterogener Metadaten, durch die institutionenübergreifende Zusammenhänge sichtbar und Kulturdaten erstmals in einer kohärenten Struktur nutzbar werden.

Die finale Podiumsdiskussion rief schließlich nochmals alle Keynote-Speaker*innen zusammen, um gemeinsam mit Katrin Vohland (NHM Wien) und Doris Wolfslehner (BMWKMS) die Macht von Metadaten auszuloten. Einigkeit bestand darin, dass gute Metadaten aus dem Kulturerbesektor die Grundlage für eine verlässliche und verantwortungsvolle Nutzung Künstlicher Intelligenz bilden. Das Potenzial von vernetzten Daten für Kulturerbeeinrichtungen sei erheblich, wobei es aber noch Berührungsängste, Überzeugungsarbeit und Kompetenzaufbau benötige.

Fazit

Digitale Kulturerbe-Arbeit ist – so der Grundtenor des diesjährigen Stakeholder Forum – immer auch eine Frage von Macht, Verantwortung und bewusster Gestaltung. Ob die Digitalisierung nun dabei hilft, flüchtige Momente wie einen Straßenprotest einzufangen oder vernetzte Daten neue Zusammenhänge und vernachlässigte Blickwinkel sichtbar machen: Kulturerbedaten bringen Mehrwert für die Gesellschaft – weit über das bisher Denkbare hinaus.

Das Kulturpool-Team bedankt sich sehr herzlich bei den Kooperationspartnern für die Programmgestaltung und professionelle Durchführung, bei allen Teilnehmenden für ihr Mitwirken und das Interesse, bei den Vortragenden und Panelist*innen für die wertvollen Inputs sowie bei der gesamten Community für die entgegengebrachte Wertschätzung. Informationen zu Datum/Thema des Stakeholder Forum 2027 wird zeitnah kommuniziert.