after it got better ...
Die Weiterentwicklung des digitalen Volkskundemuseum Wien
Mit Abschluss des Projektes „after it got better …“ konnte die Online Sammlung Plus des Volkskundemuseum Wien um 3.954 Datensätze erweitert werden. Mit dieser Erweiterung sind nun Objekte und Objektgruppen online abrufbar, die die Vielfalt wie die Spezifik der Bestände des Museums kennzeichnen.
Tradition neu betrachtet
Objekte wie filigrane Haarbilder oder handkolorierte Stickmustervorlagen erzählen von teilweise längst in Vergessenheit geratenen Kunsthandwerkstechniken und geben Einblicke in die Alltagskultur verschiedener Gesellschaftsgruppen.
Die umfangreiche Sammlung an Bauchranzen ist international bekannt. Diese prächtigen Gürtel dienten Fuhrleuten und anderen Berufsgruppen sowohl zum Körperschutz als auch zur Aufbewahrung von persönlichen Gegenständen und gaben anhand ihrer Verzierungen Auskunft über den sozialen Stand ihrer Besitzerinnen und Besitzer.
Beinahe 1.000 Stück umfasst die Sammlung von Bierkrugdeckelmedaillons aus Porzellan. Diese runden Einlagen für die Deckel von Bierkrügen boten Platz für persönliche Motive wie alpine Landschaften, Jagdszenen oder Zunftzeichen. Einige Sujets, beispielsweise die oft sexistischen Darstellungen von Frauen, sind heute jedoch kritisch zu sehen.
Neu in der Online Sammlung Plus des Volkskundemuseum Wien: Problematische Begriffe in originalen Textstellen werden durch die Implementierung eines Glossars in deren Entstehungs- und Gebrauchsgeschichte kontextualisiert.
Auch das beliebte Angebot an 3D-Modellen konnte weiter ausgebaut werden. Die animierten Modelle ermöglichen virtuelle Erkundungstouren und lassen sich besonders gut von allen Seiten entdecken.
Während des Umbaus seines Standortes in der Laudongasse (Eröffnung 2027) schafft das Museum somit die Grundlage für ein innovatives und partizipatives digitales Museum der Zukunft.
Künstlerinnen und Forscherinnen im Fokus
Aus dem Nachlass der Modeschöpferin Emilie Flöge (1874–1952) stammen rund 350 Objekte der Textil- und Bekleidungssammlung im Volkskundemuseum Wien, von denen derzeit 50 veröffentlicht sind. Ganz dem Zeitgeschmack der Jahrhundertwende entsprechend, sammelte Flöge Beispiele textiler Volkskunst, die sie auch als Inspirationsquelle und Material für die Kreationen ihres Modesalons nutzte.
Eleonore Grant (1930–2021) lebte ihr künstlerisches Talent auf eine andere Weise aus: Sie schuf um 1945/46 persönliche, fantasievoll illustrierte Büchlein mit personifizierten Blumen, Insekten und Fabelwesen als Geschenke für ihre Familie.
Die ausgewählten Bestände des Nachlasses von Eugenie Goldstern (1884–1942) umfassen Korrespondenz, Manuskripte, Skizzen, Vorlagen für Publikationen sowie Listen von Sammlungsgegenständen und handschriftliche Notizen. Die digitale Erschließung erlaubt, das Wirken und Schaffen dieser bedeutenden Wissenschaftlerin innerhalb der männerdominierten Ethnologie öffentlich zugänglich zu machen und mit den im Museum aufbewahrten Fotografien und Objektbeständen zu verknüpfen.
Fotografie als politisches Medium
Die Fotosammlung setzte nach der erfolgreichen Digitalisierung der ersten Tausend Dias die Erschließung der frühen Glaspositive mit den Inventarnummern 1.001 bis 2.000 fort und widmete sich außerdem der Sammlung der Cartes de Visite und Cartes de Cabinet regionaler und internationaler Herkunft. Die zwischen 1860 und 1915 populären Porträt- und Landschaftsfotografien trugen wesentlich zur Verbreitung der Fotografie bei. Die Digitalisierung ermöglicht Einblicke in die zeitgenössische Fotografie und den Zeitgeist des ausgehenden 19. Jahrhunderts, einschließlich problematischer Zuschreibungen und Benennungen anderer Kulturen.
Darüber hinaus dokumentieren zwei Fotokonvolute friedliche Proteste und daraus resultierende politische Umbrüche im 20. Jahrhundert:
Die „Samtene Revolution“ läutete 1989 in Prag und Bratislava das Ende des Sozialismus und den Übergang zur demokratischen Ordnung ein. Die Fotografien dokumentieren diese historischen Ereignisse, die am 1. Januar 1993 zur Auflösung der Tschechoslowakei und zur Gründung der unabhängigen tschechischen und slowakischen Republiken führten. Aufgrund der gemeinsamen historischen Verbindung mit Österreich ist diese politische Entwicklung für das Museum von großer Bedeutung.
Rund 300.000 Menschen versammelten sich am 23. Januar 1993 beim sogenannten „Lichtermeer“ am Heldenplatz in Wien, um gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu demonstrieren. Mitarbeiter:innen des Volkskundemuseum Wien hielten die Teilnehmenden, Plakate und die Atmosphäre fotografisch fest. Diese bis heute größte Demonstration der Zweiten Republik setzte ein wichtiges Zeichen für die demokratische Zivilgesellschaft und stellt einen Schlüsselmoment der Republik Österreich dar.