Bohne mit Bedeutung
Geschichte, Kultur und Auswirkungen des Kaffees
Kaffeebohnen sind für viele nicht aus dem Alltag wegzudenken – sei es als unverzichtbarer Muntermacher am Morgen oder als Genuss zwischendurch. Dabei geht die kulturgeschichtliche Bedeutung der Bohne weit über den menschlichen Verzehr hinaus - und birgt bei genauerem Hinsehen einen bitteren Nachgeschmack.
Einzigartige Wirkung
Die Gattung Coffea stammt ursprünglich aus den tropischen Regionen des Jemen und Äthiopiens und gedeiht in warmen, feuchten Klimazonen. Es handelt sich um eine blühende Pflanze aus der Familie der Rubiaceae, zu der über 125 Arten von Kaffeepflanzen gehören. Die Pflanze wächst vor allem rund um den Äquator in einem Gebiet, das umgangssprachlich als "Kaffeegürtel" der Welt bezeichnet wird. Sie ist seit Generationen eine wichtige Kulturpflanze für die Landwirtschaft, vor allem aufgrund ihres einzigartigen Koffeingehalts.
Bei vielen Coffea-Arten wirkt Koffein aufgrund seiner leicht toxischen Wirkung und seines bitteren Geschmacks als natürliches Pflanzenschutzmittel gegen Pflanzenfresser oder krankheitserregende Bakterien. Gleichzeitig besitzt es mehrere anregende Eigenschaften, die für die Pflanze von Vorteil sind. Eine der faszinierendsten Wirkungen von Koffein verbessert nicht nur die Fähigkeit der Pflanze, Bestäuber anzulocken, sondern beeinflusst auch das Gedächtnis der Bestäuber und regt sie dazu an, zur selben Pflanze zurückzukehren.
Diese evolutionären Schutz- und Fortpflanzungsmechanismen erregten auch die Aufmerksamkeit der Menschen. Diese Fähigkeit, mithilfe einer natürlichen Substanz den menschlichen Körper zu beeinflussen und zu steuern, faszinierte die Welt. Während einige befürchteten, das Koffein könnte dem Körper schaden, empfanden viele andere die medizinischen Eigenschaften als vorteilhaft. So tranken beispielsweise viele Sufi-Muslime im Jemen des 15. Jahrhunderts Kaffee, um für die nächtlichen Gebete wach zu bleiben. Auch viele damaligen Ärzte verschrieben Kaffee bei einer Vielzahl von Gesundheitsbeschwerden.
Das Geschäft mit der Exotik
Der zunehmende internationale Handel in den folgenden Jahrhunderten machte Kaffee zu einem Eckpfeiler der europäischen Kultur, wobei auch dieser wirtschaftliche Aufschwung der Wiener Kaffeekultur erheblich zugutekam. Doch während die westliche Welt von der boomenden Industrie profitierte, trug sie zur Kolonialisierung, Unterdrückung und Ausbeutung in den Kolonien bei. Beim Wiener Kongress von 1815 (Wien, 1815: Erste internationale Verurteilung des Sklavenhandels) gehörte Österreich zu den acht Unterzeichnern, die sich auf die spätere Abschaffung des internationalen Sklavenhandels einigten, dessen unmittelbare Auswirkungen sich jedoch als unbedeutend erwiesen. So konnten Länder wie Brasilien, die bis heute zu den größten Kaffeeproduzent der Welt zählen, die Sklaverei bis ins späte 19. Jahrhundert fortzuführen.
Die Ausbeutung äußerte sich nicht nur in Form physischer Unterdrückung. Als der Westen die Kaffeeindustrie für sich entdeckt wurde, nutzten Unternehmen wiederholt Bilder und Stereotype von People of Color, um ihre Produkte damit besser zu verkaufen. Beliebte Motive auf Markenetiketten nutzten rassistische Darstellungen, um das exotische Image des Kaffees zu vermarkten. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür war das Wiener Unternehmen Julius Meinl. Viele dieser Bilder romantisierten zudem die Realitäten der Arbeitsbedingungen vor Ort und verschleierten sie hinter Darstellungen stolzer, fleißiger Landwirt*innen.
Überbordende Nachfrage
Ende der 1940 Jahre entwickelte Fairtrade International (früher bekannt als Fairtrade Labelling Organizations International (FLO)) als Reaktion auf das wachsende Bewusstsein für die schlechten Arbeitsbedingungen im Kaffeeanbau ein System für mehr Transparenz, Fairness, aber auch Verantwortung gegenüber der Umwelt.
Mit dem Anstieg der Weltbevölkerung auf mittlerweile über 8 Milliarden Menschen steigt die Nachfrage nach Kaffeeprodukten rasant an. Im Jahr 2024 wurden in Österreich schätzungsweise 48,3 Tausend Tonnen Kaffee im Wert von fast 1,06 Milliarden Euro konsumiert (siehe European Coffee Report 2024/2025). Gleichzeitig ist der Kaffeeanbau mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert, darunter die Zerstörung von Lebensraum und die Anfälligkeit für Krankheiten (vgl. "A Systematic Review on the Impacts of Climate Change on Coffee Agrosystems" von Bilen, C. et al., 2022). Bis heute engagieren sich viele Menschen dafür, die Strukturen innerhalb der Kaffeeindustrie zu bekämpfen und positive Veränderungen herbeizuführen, wobei sie Themen von Arbeitnehmer*innenrechten und fairen Löhnen bis hin zu den Auswirkungen des Klimawandels ansprechen.
Die Spuren des Aktivismus' finden sich auch in Wien. Projekte wie "Mein Julius", ein kritisches Kunst- und Protestprojekt aus dem Jahr 2007 (siehe Die Presse), setzte sich für radikale Veränderungen bei vielen österreichischen Marken ein und rückte das Thema Kolonialisierung und Rassismus in den Fokus. Die Geschichte der bedeutungsvollen Bohne geht somit weiter.
Verfasst von
Eva Kiser, Astghik Aslanyan, Klara Maaß und Ekaterina B. (Central European University)