Eine Sprache, die man nicht ins Regal stellen kann

Die digitale ÖGS-Sammlung von HandsUp

Wie dokumentiert man eine Sprache, die in Händen, Mimik und Raum entsteht? Die HandsUp-Sammlung macht über 1.600 Gebärden der Österreichischen Gebärdensprache als hochwertige Avatar-Videos langfristig zugänglich, ergänzt um mehr als 1.000 GIF-Animationen, mit deutschen Untertiteln und unter Creative-Commons-Lizenz frei nachnutzbar.

Eine Sprache als Kulturerbe

Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) ist seit 2005 verfassungsrechtlich als eigenständige Sprache anerkannt und seit 2013 im österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO geführt. Sie ist eine vollwertige Sprache mit eigener Grammatik und einer Sprachgemeinschaft von rund 8.000 bis 10.000 Muttersprachler:innen in Österreich. Sie ist eine visuelle Sprache: Ihre Gebärden entstehen aus dem Zusammenspiel von Handform, Bewegung, Mimik und dem Gebrauch des Raums. Wer ÖGS dokumentieren will, kann sie deshalb nicht einfach in Büchern oder Tonaufnahmen festhalten, sondern muss diese sichtbare Form erfassen.

Wie aus Gebärden Daten werden

Genau hier setzt die digitale ÖGS-Sammlung an. Über 1.600 Gebärden wurden mit echten ÖGS-Sprecher:innen aufgenommen und anschließend mit der SiMAX-Technologie als 3D-Avatar umgesetzt. Das Ergebnis: Jede Gebärde kann jederzeit, in einheitlicher Qualität und aus jeder Perspektive abgerufen werden. Tagesform, Beleuchtung und Aufnahmewinkel spielen keine Rolle mehr. Der Avatar zeigt das Wort genauso wie beim ersten Mal, auch in zehn Jahren noch.

Jedes Video trägt zusätzlich deutsche Untertitel, sodass auch hörendes Publikum den Bezug zwischen Begriff und Gebärde herstellen kann. Ergänzend stehen über 1.000 GIF-Animationen bereit, die sich besonders leicht in digitale Anwendungen und soziale Medien einbinden lassen.

So entsteht eine dauerhafte und einheitliche Form der Dokumentation: Die Gebärden bleiben unabhängig von einzelnen Personen oder Aufnahmesituationen erhalten.

Was im Kulturpool zu finden ist

Die Auswahl der Gebärden orientiert sich am Alltagsvokabular und reicht über mehrere Lebensbereiche. Vier Beispiele zeigen die Bandbreite: der Stadtname „Wien", die Institution „Museum", der Alltagsbegriff „Kassa" und das bildungssprachliche Wort „Mythologie". Insgesamt deckt die Sammlung Familie, Beruf, Bildung, Verwaltung und Freizeit ab und macht ÖGS damit nicht nur als linguistisches Referenzmaterial, sondern auch als gelebte Alltagspraxis sichtbar.

Die gerenderten Videos und GIF-Animationen stehen unter Creative-Commons-Lizenz (CC BY-SA 4.0) frei zur Verfügung. Schulen, Museen, Forschung und Vermittlungseinrichtungen können sie ohne Lizenzhürde einbinden.

Vom Avatar zur Erlebnisausstellung

Die Sammlung ist Teil eines größeren Projekts. Sie ergänzt die Wiener Erlebnisausstellung „Hands Up – Erlebnis Stille", in der hörendes Publikum unter Anleitung gehörloser Vermittler:innen erstmals direkt mit ÖGS in Berührung kommt. Ein eigener Gebärdensprache-Grußgenerator erlaubt es zudem, mit dem Avatar personalisierte Grußbotschaften zu erstellen und etwa über Messenger-Dienste zu teilen. So entsteht ein Zusammenspiel zwischen physischer Begegnung und digitaler Nutzung, beides gleichermaßen zugänglich.

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