Ernst Kreneks Vermächtnis
Aus den Vorträgen und Manuskripten eines Komponisten des 20. Jahrhunderts
Obwohl in erster Linie als Komponist bekannt, führt Ernst Kreneks (1900-1991) Schaffen weit über das kreative Gestalten von Tönen und Klängen hinaus. Als „intellectual and composer“, wie ihn Igor Stravinsky nannte, war Ernst Krenek prädestiniert, Musik nicht nur zu komponieren, sondern auch theoretisch zu reflektieren. Diese Fähigkeiten machten ihn zu einem geschätzten Lehrer und Vortragenden.
Lehrtätigkeit ab 1936
Ab 1936 hielt Ernst Krenek relativ kontinuierlich Vorträge über Musik. In der Emigration in den USA begann er 1939 eine Lehrtätigkeit an unterschiedlichen Hochschulen. Auch nach dem Ende seiner akademischen Positionen hielt Ernst Krenek weiterhin regelmäßig musiktheoretische und musikhistorische Vorlesungen und Vorträge an US-amerikanischen und europäischen Universitäten und bei Sommerkursen, beispielsweise am Black Mountain College und bei den Darmstädter Ferienkursen.
Viele seiner Vorträge richteten sich an ein spezialisiert interessiertes Publikum, bestehend aus aufstrebenden Komponist:innen, Musikkritiker:innen oder Interpret:innen. An ein weiter gefasstes Publikum von Musikliebhaber:innen richteten sich Ernst Kreneks Beiträge für diverse Radiosender, die oft neben einer analytischen Beschäftigung mit eigenen und fremden Werken auch autobiographische Erinnerungen beispielsweise an seine Erfahrungen mit Nationalsozialismus, Emigration und Exil beinhalten.
Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte
Die im Rahmen dieses Projekts erstmals online zugänglich gemachten Vortragsmanuskripte und -typoskripte umfassen unterschiedliche Vortragsarten, von didaktischem Material, über Radiosendungen bis zu Grußworten bei Veranstaltungen.
In diesen Vorträgen setzt sich Ernst Krenek mit Musikgeschichte vom 16. Jahrhundert bis zum Komponieren mit Computern in seiner Zeit auseinander. Er verstand es aber auch in seiner Rolle als emigrierter Komponist, der nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Anschluss an das europäische Musikleben suchte, verschiedene Perspektiven auf das musikalische Schaffen in Europa und Amerika und deren unterschiedliche kommerzielle Strategien zu entwickeln.
Die Vorträge dokumentieren darüber hinaus Ernst Kreneks eigene äußerst dynamische kompositorische Entwicklung von den 1940ern bis in die 1970er Jahre.
Komponist des 20. Jahrhunderts
Im Journalismus wurde für ihn die Beschreibung „one-man-history-of-20th-century-music“ immer wieder bemüht. Ernst Kreneks kompositorische Entwicklung formte sich entlang der zentralen Kompositionstechniken des 20. Jahrhunderts.
Beginnend mit einer von seinem Lehrer an der Wiener Musikakademie (heute Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) beeinflussten spätromantischen Tonsprache entwickelte Ernst Krenek in den 20er-Jahren bald atonal-expressionistische, dann neoklassizistische und neoromantische Ausdrucksweisen. Er ignorierte auch nicht die damals populären Formen der Unterhaltungsmusik, gipfelnd im Sensationserfolg seiner Oper „Jonny spielt auf“. Ab 1930 wandte er sich dann der Zwölftontechnik zu, von der er sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu seriellen, aleatorischen und elektronischen Verfahren weiterentwickelte.
Was ist serielle und aleatorische Musik?
Ernst Krenek nutzte diese unterschiedlichen Ansätze sowie die aufkommende elektronische Technologie, um seine Musik auf völlig neue Weise zu gestalten und traditionelle Klangvorstellungen zu erweitern.
Unterschätztes Erbe
Das verfügbar gemachte Material entstammt Ernst Kreneks Nachlass und wurde außerhalb eines sehr spezialisierten, einschlägig forschenden Publikums bislang kaum wahrgenommen.