Unruhe der Moderne

Highlights aus dem Museum der Moderne Salzburg

Das Museum der Moderne Salzburg ist für vielfältige und umfangreiche Sammlungsbestände verantwortlich, gesamt für rund 55 000 Werke, die vom 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichen und aus der Anfangszeit einen Schwerpunkt auf Grafik und Fotografie aufweisen. Neben der eigenen Sammlung betreut das Museum der Moderne Salzburg gemeinsam mit den Werken im Besitz des Landes Salzburg auch die Fotosammlung des Bundes mit allein rund 12 000 Titeln.

Paraphrase einer Skyline

Im März 1938 brachen Wilhelm Thöny und seine Frau Thea nach New York auf, das sie bereits 1933 besucht hatten. Ähnlich wie zuvor bei der Übersiedlung nach Paris wird es wohl verschiedene Gründe für die Reise gegeben haben, nicht zuletzt den drohenden Krieg.

Die aufragenden Wolkenkratzer vor einem dunkelblauen Abendhimmel entsprechen keiner realen Ansicht von New York. Aber es geht hier auch nicht um ein Abbild der Wirklichkeit, sondern – wie der Titel hervorhebt – um eine „Paraphrase“. Thöny hat hier einen musikalischen Begriff entlehnt, der die ausschmückende Bearbeitung eines Themas bezeichnet. Im Vergleich mit den früheren New-York-Ansichten, die nach der ersten Amerikareise im Pariser Atelier entstanden waren, hat sich – um bei einer musikalischen Metapher zu bleiben – die Tonart geändert. Thöny war nicht mehr der vom ersten Anblick der Skyline überwältigte Besucher, sondern als Bewohner der Stadt „mittendrin“ – und zugleich immer noch fremd. Das Appartement im Barbizon Plaza Hotel, das das Ehepaar Thöny bewohnte, war klein und musste zugleich als Atelier herhalten. Diese Enge wird im Bildausschnitt spürbar, in dem die dunkle Wandfläche beinahe ein Viertel des Raumes einnimmt und das rankende Grün in der Vase eine weitere Barriere gegenüber dem fern wirkenden Außenraum bildet.

Aufbruch ins Unbewusste

Die intime Bleistiftzeichnung von Gustav Klimt ist eine Vorstudie zu seinem Gemälde Philosophie, das eigentlich die Decke des Festsaals der Wiener Universität zieren sollte. 1894 beauftragte das Unterrichtsministerium die Künstler Franz Matsch und Gustav Klimt, die zusammen die Künstler-Compagnie bildeten. Ein zentrales Gemälde sollte von allegorischen Darstellungen der vier Wiener Fakultäten gerahmt werden. Klimt übernahm die Fakultätsbilder Philosophie, Medizin und Jurisprudenz.

Während der vorbereitenden Arbeit wandelte sich sein Stil vom Historismus zum Symbolismus. Klimt entfernte sich nicht nur zunehmend von den genehmigten Entwurfszeichnungen, sondern auch von dem Kunst- und Moralverständnis seiner Zeit. Statt traditioneller, allegorischer Darstellungen wandte sich der Künstler, der sich intensiv mit Sigmunds Freuds Forschungen zur Sexualität und zum Unbewussten auseinandergesetzt hatte, gesellschaftlich tabuisierten Themenfeldern zu. Eine Vielzahl unbekleideter Figuren sowie die explizite Darstellung von Sexualität führten jedoch zur ablehnenden Haltung seitens der Auftraggeber- und Professorenschaft, riefen bei der öffentlichen Präsentation in der Wiener Secession im Jahr 1900 allgemeine Missbilligung und Empörung hervor, woraus sich einer der größten Kunstskandale Österreichs entwickelte. Klimt protestierte gegen die Angriffe auf die künstlerische Freiheit und trat unter Verzicht auf sein Honorar vom Auftrag zurück.

Druckgrafiken zwischen Industrialisierung und Revolution

Max Klinger ist nicht nur für seine Gemälde und Skulpturen berühmt; er machte sich auch einen Namen als Erneuerer der Druckgrafik und wurde von seinen Zeitgenoss:innen mit keinem Geringeren als Albrecht Dürer verglichen.

Der Zyklus Dramen nimmt eine Sonderstellung innerhalb seiner druckgrafischen Zyklen ein. Zum einen verzichtet er auf symbolische Elemente, zum anderen vereint Opus IX zwei Handlungsstränge, die in jeweils drei Darstellungen eine in sich geschlossene Abfolge bilden: Eine Mutter I, II und III sowie Märztage I, II und III. Diesen Handlungen sind jeweils zwei Blätter vorangestellt, die inhaltlich das Kommende vorbereiten.
Obwohl der Titel auf die Deutsche Revolution von 1848/49 anspielt, die auch als Märzrevolution in die Geschichte eingeht, löst Klinger die Ereignisse aus ihrem historischen Kontext und zeigt das Berlin seiner Zeit (Telegrafendrähte, Litfaßsäule). „Um diese Zeit lief ein Schlagwort durch die Presse, der Frühling, insbesondere der März, sei der Zeitpunkt der Gährung in der Natur und in der Politik […]“, erklärt Max Klinger in einem Brief an Max Lahrs 1916.

Sein Zyklus kann als Warnung gelesen werden, dass die ungelösten politischen und sozialen Missstände infolge der rasanten Industrialisierung eine Wiederholung der Ereignisse von 1848/49 nach sich ziehen können.

Selbstbildnis am Esstisch

Zu den einflussreichsten Texten der Frauenbewegung gehört A Room of One's Own (Ein Zimmer für sich allein), den die britische Schriftstellerin Virginia Woolf (1882–1941) 1929 veröffentlichte. Darin betont die Autorin, wie wichtig ein eigener Rückzugsraum für kreatives Arbeiten ist. Doch nur wenige Künstler:innen konnten sich seinerzeit diesen Luxus leisten und mussten deshalb Kompromisse eingehen.

„Überhaupt zeichne ich jetzt ungleich mehr als ich male, aus der praktischen Überlegung, dass ich in Berlin für die ersten Jahre meiner Verheiratung kaum Geld genug haben werde, um ein Atelier zu mieten“, schreibt Käthe Kollwitz im Februar 1891 an ihren Künstlerkollegen Paul Hey. „Und in engen Stuben, die man bewohnt, Ölbilder zu malen, das ist ein trauriger Gedanke. Das Radieren ist noch lange nicht so umständlich.“ Das frühe Selbstbildnis zeigt sie am Esstisch ihrer Berliner Wohnung. Er ist der Lebensmittelpunkt der jungen Familie. Hier in der großen Stube steht der Kinderwagen, hier fertigt sie ihre ersten Radierungen an.

Porträt von Liebe und Verlust

Die berührende Zeichnung zeigt Egon Schiele in inniger Umarmung mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Edith, geborene Harms, die gegenüber von Schieles Atelier in einem Haus in der Hietzinger Hauptstraße wohnte. 1914 bahnte sich eine Tändelei zwischen den beiden an. Nach der Trennung Schieles von seiner langjährigen Lebensgefährtin Wally Neuzil, die zugleich Muse und Modell gewesen war, heirateten Edith und Egon Schiele im Juni 1915 kurz nach Schieles Einberufung zum Kriegsdienst.

Dem Paar war kein Happy End beschieden. Ab 1918 grassierte die Spanische Grippe, die mehr Menschenleben fordern sollte als der Erste Weltkrieg. Edith, im sechsten Monat schwanger, erkrankte. Schiele, mittlerweile selbst infiziert, zeichnete seine Frau noch ein letztes Mal im Sterbebett und folgte ihr drei Tage später, am 31. Oktober 1918, in den Tod nach. Seine letzten Worte, die seine Schwägerin Adele Harms festhielt, sollten sich bewahrheiten: „Der Krieg ist aus – und ich muss geh'n!“

Trotz seines kurzen Lebens zählte Schiele neben Richard Gerstl, Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zu den Schlüsselfiguren der Moderne in Österreich. Seine expressive Bildsprache und seine radikalen Körperdarstellungen wurden wegweisend für zahlreiche Künstler:innen des 20. Jahrhunderts, wie beispielsweise Günter Brus, Francis Bacon oder Elke Krystufek.

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