Fast vergessen?

Ein Blick in die Sammlung des Frauenmuseum Hittisau

Die Sammlung des Frauenmuseum Hittisau erzählt Geschichten, die lange kaum gehört oder fast vergessen wurden: Geschichten von Frauen*, ihrem Alltag, ihrer Lebensrealität, ihrem politischen, kreativen und gesellschaftlichen Wirken. Sie reichen von der eigenen Region bis weit über ihre Grenzen hinaus und spannen ein vielschichtiges Netz aus Erinnerungen, Objekten und Perspektiven.

Zwischen Küche, Kunst und Körperpolitik

In den Regalen des Depots finden sich Schriftstücke, Alltagsgegenstände, Kunstwerke und Tondokumente. Jedes Objekt öffnet ein Fenster in eine andere Lebenswelt – mal in die Küche der Moderne, mal in gestickten Rollenzuschreibungen auf Spruchtüchern, mal in das Familienleben auf dem Land während des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Der Fokus liegt auf regionalen Zeugnissen, die stets in größere historische und gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet werden. So verbinden sich persönliche Geschichten mit globalen Entwicklungen.

Die Sammlung umfasst nicht nur Alltagsobjekte, Schriftstücke und historische Dokumente, sondern auch Kunstwerke von Künstlerinnen verschiedener Generationen. Dazu gehört zum Beispiel ein Werkkonvolut der Vorarlberger Künstlerin Anne Marie Jehle (1937–2000), deren Arbeiten sich kritisch und zugleich poetisch mit Fragen von Identität, Geschlecht und Gesellschaft auseinandersetzen.

Darüber hinaus finden sich in der Sammlung Werke der feministischen Avantgarde ebenso wie zeitgenössische künstlerische Positionen, die an diese Tradition anknüpfen und sie weiterdenken. Gemeinsam spiegeln sie ein breites Spektrum weiblicher Ausdrucksformen – von frühen feministischen Strategien bis hin zu aktuellen künstlerischen Auseinandersetzungen mit Körper, Raum und Selbstbestimmung.

Sammeln ohne Besitz

Der Großteil der Sammlungsobjekte gehört fest zum Bestand des Museums. Gleichzeitig befinden sich diverse Objekte im Rahmen der sogenannten „dislozierten Sammlung“ nur zeitweise physisch im Museumsdepot: Sie werden dem Museum von Privatpersonen anvertraut, erforscht, dokumentiert und später – bereichert um Wissen und Wertschätzung – wieder zurückgegeben. Die Objekte bleiben – selbst wenn sie physisch zurückgegeben werden – als dokumentierte und erinnerte Zeugnisse in der Sammlung präsent. Ihre materiellen Spuren werden zu immateriellen Bestandteilen des Museumswissens und erweitern so das Verständnis von Sammeln und Bewahren. Auf diese Weise entsteht ein lebendiges, offenes Sammlungssystem, das Geschichte nicht hortet, sondern in Bewegung hält.

Erlebter Alltag

Besondere Stücke geben der Sammlung ein unverwechselbares Profil: etwa eine original erhaltene Frankfurter Küche, eine umfangreiche Sammlung handbestickter Spruchtücher mit moralischen Appellen und geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen, oder der Nachlass einer Hittisauer Familie, der den Alltag von Frauen* zwischen 1900 und den 1960er Jahren erlebbar macht

Hinzu kommen zahlreiche Interviews mit Zeitzeug:innen zum Thema Wohnen oder Pflege, zur Entwicklung der regionalen Frauenbewegung oder die über die eigene Kindheit während des Zweiten Weltkriegs erzählen. Zwar sind die Tonaufnahmen aus rechtlichen Gründen nicht öffentlich abrufbar, ihre Metadaten geben aber Einblicke in die thematische Vielfalt.

Wenn Geschichten das Museum verlassen

Die Sammlung wächst kontinuierlich weiter und bildet ein Fundament für forschungsbasierte Ausstellungen, Bildungsangebote oder künstlerische Projekte. Mit der Einbindung in den Kulturpool werden zentrale Bestände nun erstmals öffentlich zugänglich gemacht – und die Geschichten, die sie tragen, finden ihren Weg weit über die Türen des Museums hinaus.

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