Das Heidentor von Petronell-Carnuntum damals und heute

Über die Geschichte und Bedeutung des Heidentors seit seiner Entstehung im 4. Jahrhundert

Im Rahmen des Projekts „Twin it! – 3D for Europe’s culture“ digitalisierten die Landessammlungen Niederösterreich das Heidentor von Carnuntum als Symbol des römischen Österreichs in 3D. Nicht nur das heutige Erscheinungsbild wird dadurch in 3D sichtbar, sondern es werden insgesamt vier 3D-Modelle erstellt. Diese basieren auf historischen Ansichten, wissenschaftlichen Kenntnissen und aktuellen Drohnenaufnahmen.

Von der Antike bis zur Gegenwart

Das Heidentor von Carnuntum gehört zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern Österreichs und ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Es ist eines der wenigen römischen Denkmäler Österreichs, das fast 2.000 Jahre lang durchgehend zu sehen war. Schon im Mittelalter und der Renaissance wurde das Monument in mehreren Reiseberichten erwähnt. Um die Erbauer und die Funktion des Bauwerks ranken sich viele Spekulationen, die bis heute nicht vollständig geklärt sind. Im 13. Jahrhundert dachte man, das Heidentor sei das Grabmal des Riesen Theuto. Diese regionale Legende stammt von einem Dominikanerchronisten, der dies in seinen Descriptio Theutoniae („Beschreibung der deutschen Lande“) im 13. Jahrhundert erwähnte.

Eine erste Beschreibung des Monuments verfasste der Humanist Wolfgang Lazius im Jahr 1551. Wolfgang Lazius interpretierte das Heidentor als ein Stadttor. Etwa 100 Jahre später erscheint erstmals der Name „heydnisch Thor“, von dem sich der heutige Name ableitet.

Steinraub und Restaurierungen

Im 15. und 16. Jahrhundert wurde wegen Baumaterialmangel massiver Steinraub in Carnuntum betrieben, der das Aussehen des Heidentors für immer prägte. Große Quadersteine eigneten sich als begehrtes Material besonders gut zur Wiederverwendung und wurden auch unter Einsatz von Schwarzpulver herausgesprengt. Die letzten beiden Pfeiler wurden dadurch bis zum inneren Kern aus Gussmauerwerk abgetragen. 

Im 18. Jahrhundert erkannten die beiden englischen Reisenden Richard Pococke und Jeremias Milles das Heidentor als ein römisches Bauwerk. Das gab auch der Wissenschaft einen ersten Anstoß zur Erforschung Carnuntums – einem Pompeji vor den Toren Wiens – zu beginnen und die Denkmäler zu schützen und zu erhalten. Als Erster ließ der Schwechater Industrielle Anton Widter 1869 auf eigene Kosten Restaurierungsarbeiten am Heidentor durchführen.

Das heute sichtbare Heidentor

Das heutige Erscheinungsbild des Heidentors wurde vor allem durch Sanierungsarbeiten im Jahr 1907 geprägt. Damals erfolgte die Ummantelung der unteren Pfeilerzonen und die Abdeckung des Bogens. Im selben Jahr ging die Ruine ins Eigentum des Landes Niederösterreich über. 

Nach neuerlichen Restaurierungen an der Oberfläche der Pfeiler im Jahr 1957 wurde das Heidentor von 1998 bis 2001 nochmals umfassend untersucht und nach international gültigen Standards der Denkmalpflege konserviert.

Das 3D-Modell des Heidentors

Das 3D-Modell des heutigen Heidentors wurde mittels Fotogrammetrie umgesetzt. Hilfsmittel hierfür war eine Drohne, mit der aus allen Blickwinkeln und Höhen Fotos aufgenommen wurden. Mit den fotogrammetrischen Aufnahmen wird ein dreidimensionales Digitalisat vom Ist-Zustand des Heidentors erzeugt. Durch die Verwendung von hochgenauen GPS-Systemen (RTK) ist es möglich, ein Modell mit einer Genauigkeit im Zentimeterbereich zu erstellen.

Was ist Fotogrammetrie?

Albrecht Meydenbauer, ein deutscher Architekt, erfand 1858 die Fotogrammetrie nach einem beinahe tödlichen Sturz bei der Vermessung des Wetzlarer Doms. Auf der Suche nach einer sichereren Methode entwickelte er die „Photometrographie“. Seit 1867 ist diese Technik als Fotogrammetrie bekannt. Dieses Verfahren erstellt dreidimensionale Modelle, indem es Fotos von einem Objekt aus verschiedenen Winkeln aufnimmt und diese dann übereinanderlegt. Aus den Überschneidungen wird ein 3D-Modell berechnet. Anfangs zur Kartierung der Erdoberfläche genutzt, hilft Fotogrammetrie heute, detailreiche 3D-Objekte aller Art zu erschaffen.

Um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, braucht es gute Wetterbedingungen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Fotoaufnahmen ist hauptsächlich Sonnenschein zu vermeiden, durch den es zu einer zu starken Schattenbildung kommen kann. Damit die Drohne abheben kann, ist bewölktes, aber nicht regnerisches Wetter optimal.

Nach den Aufnahmen des Drohnenflugs und der Zusammenstellung der Bilder mittels Fotogrammetrie wurden im 3D-Modell Anmerkungen eingearbeitet, die die Verortung von antiken Spolien im Heidentor ermöglichen. Spolien sind wiederverwendetes Steinmaterial, das aus älteren römischen Bauwerken stammt und aus Kostengründen im Heidentor erneut verbaut wurde, etwa Altäre, Inschriften und Bauornamente. Im 3D-Modell des Heidentors sind zehn dieser Spolien in den Anmerkungen angeführt.

Zusätzlich wurde eine Archäologin als Figur in das 3D-Modell implementiert, um die Größenverhältnisse zu verdeutlichen.

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