Erinnern in 3D: drei neue digitale Zwillinge im Kulturpool
Im Zuge der EU-Kampagne „Twin it! – 3D for Europe’s culture“ sind drei neue 3D-Digitalisate über das Suchportal Kulturpool am Naturhistorischen Museum Wien zugänglich. Die hochauflösenden Modelle der Initiative kulturgut digital und Forschenden der Kunstuniversität Linz zeigen auf, wie vielfältig und doch vergänglich Kulturerbe sein kann – vom Erinnerungsort über den Protestschauplatz bis zum schmelzenden Gletscher.
Ein Format, unzählige Möglichkeiten
17.09.2026 I Was geschieht mit den Erinnerungen, wenn die Orte, an denen Sie gesammelt wurden, verschwinden? Wenn sich Naturräume verändern, Freiflächen verbaut oder Wissen verdrängt wird, kann Technologie diese Prozesse nicht aufhalten. Methoden wie die 3D-Digitalisierung können jedoch wichtige Zeugnisse der Kulturgeschichte dokumentieren, digital sichern und das Erinnern fördern. Im Zuge der europäischen Kampagne „Twin it! – 3D for Europe’s culture“ veröffentlichen kulturgut digital und die Kunstuniversität Linz hochauflösende 3D-Digitalisate im Kulturpool, Österreichs zentrales Suchportal für digitales Kulturerbe mit Sitz am Naturhistorischen Museum Wien. Die geförderten Projekte zeigen, wie vielfältig und zugleich vergänglich Kulturerbe sein kann.
Durch offene Lizenzierung stehen die hochauflösenden Modelle nicht nur für Forschung und Lehre zur Verfügung, sondern können beispielsweise auch von Künstler:innen und Kreativen genutzt werden. Bereits über eine Million Kulturerbe-Objekte mit offenen Lizenzen warten im Kulturpool auf ihre Nachnutzung. Offene Schnittstellen ermöglichen insbesondere Entwickler:innen den einfachen Zugriff auf standardisierte Daten und den Austausch mit anderen Systemen.
Demokratische Teilhabe an Kultur bedeutet auch, digitales Kulturerbe für alle zugänglich zu machen.
„Demokratische Teilhabe an Kultur bedeutet auch, digitales Kulturerbe für alle zugänglich zu machen. Mit offenen Daten erschließen wir unser kulturelles Erbe, bewahren die Erinnerung an wichtige Kapitel unserer Geschichte und schaffen damit einen Mehrwert für die Gesellschaft“, so Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler.
Die neuen Digitalisate reichen von einem bedeutenden Zeugnis der NS-Zwangsarbeit über einen selbstorganisierten und umkämpften Skatepark bis hin zu einem alpinen Gletscherraum, der sich durch den Klimawandel rasant verändert. Gemeinsam zeigen sie: Kulturerbe umfasst auch Orte des Alltags, soziale und subkulturelle Praktiken, Landschaften, Erinnerungen und das Wissen, das mit ihnen verbunden ist.
„3D-Digitalisate wie das Gletscher-Modell tragen wertvolles Wissen, das für unterschiedliche Disziplinen und Zielgruppen nützlich ist. Sie bilden nicht nur flüchtige Momente unserer natürlichen Umwelt ab, sondern sind auch Startpunkt für deren Erforschung“, so Katrin Vohland, Generaldirektorin der Naturhistorischen Museum Wien.
3D-Digitalisate bilden nicht nur flüchtige Momente unserer natürlichen Umwelt ab, sondern sind auch Startpunkt für deren Erforschung.
Erinnerungsorte virtuell besuchen
Ein Beispiel ist der Schotterbrecher im ehemaligen KZ Gusen, der vom Wiener Verein kulturgut digital hochpräzise dokumentiert wurde. 3D-Laserscans, Photogrammetrie und Gaussian Splatting ermöglichen eine fotorealistische digitale Darstellung des historischen Ortes und schaffen zugleich eine Grundlage für Forschung sowie künftige Erhaltungsmaßnahmen. Fehlende Teile der Anlage wurden auf Basis von Archivmaterialien und Bauforschung rekonstruiert. Das digitale Modell macht damit Wissen über einen Ort zugänglich, dessen Geschichte von NS-Zwangsarbeit und Gewalt geprägt ist.
Subkulturelles Erbe sichtbar machen
Das Team um den Künstler und Forscher Alexis Dworsky (Kunstuniversität Linz) zeigt mit seinen Beiträgen, dass sich kulturelles Erbe auch an jenen Orten verbirgt, die auf den ersten Blick möglicherweise nicht als bedeutsam wahrgenommen werden. Der DIY-Skatepark Sankt Marx in Wien wurde kurz vor seinem Abriss als hochauflösendes 3D-Modell erfasst. Mehrere tausend Fotografien wurden mittels Photogrammetrie zu einem georeferenzierten digitalen Abbild des Areals verarbeitet. Heute lässt sich der verschwundene Ort virtuell erkunden – inklusive seiner Bowls, Rampen, Graffiti und Spuren kollektiver Aneignung. Bewahrt wird damit nicht nur gebaute Substanz, sondern auch ein Stück urbaner Alltags-, Protest- und Kulturgeschichte.
Mit Drohnen gegen das Vergessen
Am Goldbergkees in den Hohen Tauern wird die Dringlichkeit digitaler Dokumentation besonders deutlich: Das Team der Kunstuniversität Linz erfasste den Gletscher im Rahmen des künstlerischen FWF-Forschungsprojekts „Beyond Glaciation“ mit mehr als 20.000 Drohnenaufnahmen. Das daraus entstandene 3D-Modell ist eine digitale Momentaufnahme eines Lebensraums, der sich infolge des Klimawandels in rasantem Tempo verändert. Der Gletscher wird dabei nicht allein als Naturraum verstanden. Seine Verbindung mit Bergbaugeschichte, Wissenschaft, Tourismus, Mythen und künstlerischer Auseinandersetzung macht ihn auch zu einem kulturellen Erinnerungsraum.
Kulturpool fördert Datenkompetenz
Die Beiträge von kulturgut digital und der Kunstuniversität Linz stehen exemplarisch für das Ziel der europäischen Kampagne „Twin it!“: Mit 3D-Technologien sollen Kulturgüter digital gesichert, erforscht und für kommende Generationen zugänglich gemacht werden. Digitale Zwillinge ersetzen nicht die realen Orte und Objekte. Allerdings eröffnen sie eine zusätzliche Ebene des Erinnerns, Forschens und Vermittelns – besonders dort, wo physische Veränderungen, Abriss, Verfall oder klimatische Veränderungen nicht aufzuhalten sind. Durch die Einbindung in das Kulturpool-Suchportal werden die Digitalisate zentral auffindbar und mit europäischen Kulturerbe-Daten verknüpft. Wie Daten verknüpft und angereichert werden, kann in Webinaren und Workshops des Kulturpool-Kompetenzzentrums gelernt werden.
Damit wird eine zentrale Botschaft des Kulturpools deutlich: Digitalisierung ist mehr als eine technische Methode zur Dokumentation. Sie schafft Zugang zu Wissen, eröffnet neue Perspektiven und macht kulturelle Zusammenhänge sichtbar.
Der Kulturpool in Zahlen
Weiterführende Informationen zu den Projekten
Beteiligte Partnerinstitutionen
kulturgutdigital.at
kunstuni-linz.at