Digitale Momentaufnahme eines Gletschers

Über verschwindende Lebensräume und bewahrtes Wissen

Das 3D-Modell des Goldbergkees dokumentiert die rasante Transformation eines alpinen Lebensraums. Es macht sichtbar, wie eng Natur, Kultur und Klimawandel verbunden sind – und bewahrt einen bedrohten Ort virtuell für die Zukunft.

Gletscher als gefährdetes Kulturerbe

Das Goldbergkees liegt im Gebiet des Hohen Sonnblicks in den Hohen Tauern und zählt zu jenen Gletschern, an denen der Rückgang des Eises besonders deutlich sichtbar wird. Im Zuge des künstlerischen Forschungsprojekts „Beyond Glaciation“ erstellte ein Team der Kunstuniversität Linz ein digitales 3D-Modell des Gletschers. Das Ergebnis dokumentiert einen alpinen Gletscherraum, der sich infolge klimatischer Veränderungen in rasanter Transformation befindet.

Die globale Erwärmung verändert die Alpen tiefgreifend. Österreichs Gletscher verlieren seit Jahrzehnten an Länge, Fläche und Volumen. Das Goldbergkees steht exemplarisch für eine Landschaft, deren Verschwinden inzwischen in wenigen Jahren und nicht mehr in Jahrhunderten gedacht werden muss. Gletscher sind in Österreich nie nur Naturphänomene. Sie prägen Landschaften, Tourismus, Wissenschaft, Kunst und damit auch das kulturelle Selbstbewusstsein des Landes. Am Goldbergkees zeigt sich diese vielschichtige Bedeutung. Schon sein Name verweist auf die Bergbaugeschichte der Region: In Kolm-Saigurn und im Umfeld des Sonnblicks wurde über Jahrhunderte nach Gold gesucht. Eis, Fels und Gipfel waren damit nicht nur alpine Kulisse, sondern Teil einer Arbeits-, Migrations- und Wirtschaftsgeschichte.

Zugleich ist diese Landschaft von Erzählungen und Mythen durchzogen, etwa von den Venediger-Männchen, die über Berge und Gletscher wandern, verborgene Schätze kennen und Glück sowie Reichtum verheißen. Das historische Gemälde „Kolm Saigurn im Rauristal mit Sonnblick“ von Friedrich Loos zeigt diese alpine Welt noch als romantisch aufgeladene Hochgebirgslandschaft. Heute erscheint derselbe Raum unter anderen Vorzeichen: Das Goldbergkees wird zum gefährdeten Kulturerbe, dessen Verschwinden nicht nur einen ökologischen, sondern auch einen kulturellen Verlust markiert.

Da sitzt man nicht nur vorm Computer – vom Digitalisieren eines Gletschers bekommt man auch kalte Finger, Sonnenbrand und Muskelkater!

Alexis Dworsky, Projektleiter und Professor an der Kunstuniversität Linz

Making-of: Drohnen, Wolken und Muskelkater

Das digitale 3D-Modell des Goldbergkees basiert auf über 20.000 Fotos, die mittels Drohne im Spätsommer 2025 vor Ort erfasst wurden. In einem als Photogrammetrie bezeichneten Prozess wurden diese Bilder zunächst im dreidimensionalen virtuellen Raum ausgerichtet. Daraus wurden eine Punktwolke sowie ein digitales Oberflächenmodell generiert und schließlich eine Textur, die dem Modell ein realistisch anmutendes Erscheinungsbild verleiht. Auf diese Weise entstand also kein abstraktes Schema, sondern ein räumlich erlebbares Abbild eines konkreten Ortes zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Dabei ist die digitale Rekonstruktion des Goldbergkees nicht nur ein technischer, sondern auch ein körperlicher Prozess. Das Erfassen der Daten erfolgte unter hochalpinen Bedingungen auf rund 3.000 Metern Höhe: in der Kälte, bei gleißendem Licht und launischem Wetter. Hinzu kamen lange, beschwerliche Wege mit einem Rucksack voller Ausrüstung. Auch die anschließende Tätigkeit am Computer bleibt körperlich: tagelanges Berechnen, Kontrollieren und Nachbearbeiten der Punktwolken und Meshes bedeutet viel zu sitzen, warten und abermaliges Korrigieren. Die Digitalisierung des Gletschers vollzieht sich damit nicht losgelöst von der physischen Welt, sondern aus einem Zusammenspiel von Landschaft, Technik und körperlicher Erfahrung.

Wie vermitteln wir das Verschwinden?

Die Einordnung des Gletschers als kultureller, ökologischer und medialer Erinnerungsraum entspricht der Konzeption des vom FWF – Österreichischer Wissenschaftsfonds im Rahmen des Programms zur Entwicklung und Erschließung der Künste (PEEK) geförderten Projekts „Beyond Glaciation“. Das Goldbergkees wird darin nicht als lebloser Eisblock verstanden, sondern als vielschichtiges Wirkungsgefüge aus Natur, Kultur, Mythos und Wissenschaft.

Das künstlerische Forschungsvorhaben ist auf vier Jahre angelegt. In dieser Zeit wird sich der Gletscher weiter verändern und dieser Wandel wird anschaulich dokumentiert werden. Aber auch die Technologie entwickelt sich weiter, sodass neue Aufnahmegeräte wie 360-Grad-Drohnen und neue Verfahren wie Gaussian Splatting erprobt werden. Vor allem aber wird das Projekt ausloten, wie sich das Verschwinden der Gletscher ästhetisch vermitteln lässt – nicht als bloßer Verlust, sondern als komplexer Zusammenhang von Klima, Landschaft, Technologie, Erinnerung und kultureller Verantwortung.

 

Projektteam

Alexis Dworsky, Tina Frank, Simon Hochleitner und Nadja Reifer, Kunstuniversität Linz, mit externen Kooperationspartner*innen

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