Skaten zwischen Bowls, Beton und Bytes

3D-Modell des DIY-Skatepark Sankt Marx, Wien

Der DIY-Skatepark Sankt Marx in Wien lebt digital weiter: Kurz vor seinem Abriss als selbstorganisierter Freiraum dokumentiert, macht ein hochauflösendes 3D-Modell den Ort virtuell erfahrbar. Das Projekt zeigt, wie subkulturelle Stadträume als offenes digitales Kulturerbe erhalten bleiben können.

„Sankt Marx für alle“

In wachsenden Großstädten sind freie Flächen eine Seltenheit. So auch das Areal des ehemaligen Schlachthofes in Sankt Marx in Wien. Etwa ein Jahrzehnt blieb die rund 25.000 Quadratmeter große Fläche neben der Tangente unbenutzt – zumindest kommerziell. Denn mehrere Vereine nutzten die Chance, sich Platz zu verschaffen: zum Sporteln, Garteln, Party machen und zum Skateboarden. Innerhalb kurzer Zeit entstand ein selbstorganisierter urbaner Freiraum, der rund zehn Jahre lang von der Wiener Skate-, DIY- und Nachbarschaftsszene bebaut, bespielt und transformiert wurde.

Auf einer Schotterfläche bauten Skate-Enthusiast*innen ab 2016 in fortwährenden Bauaktionen eine Betonlandschaft aus Bowls und Rampen – ergänzt durch Graffiti, Mosaike, Hochbeete, einen Schiffscontainer und improvisierte Aufenthaltsbereiche. Trägerverein war das Kollektiv ALM-DIY; Grundlage war ein Zwischennutzungsvertrag mit der Wiener Standortentwicklung GmbH (WSE), einer Tochter der Wien Holding.

2024 wurde bekannt, dass auf dem Areal die künftige Wien Holding Arena entstehen soll; der Vertrag mit den Vereinen lief im Dezember 2025 aus, wodurch die Zwischennutzungskonzepte den Baumaschinen weichen mussten. Ein paar Menschen weigerten sich aber, den liebgewonnenen Platz zu räumen, weshalb es im April 2026 zu einem Polizeieinsatz kam.

„Sankt Marx für alle“ prangerte auf einer der selbstgebauten Verschläge, die abgerissen wurden. Auch der Skatepark musste weichen. Damit endet eine rund zehnjährige Praxis, deren Bedeutung weit über das Skaten hinausreicht: Sankt Marx war Versammlungsort, Werkstatt, Gartenfläche, Konzert- und Streetart-Areal zugleich – und stand zuletzt exemplarisch für die Frage, wem die Stadt gehört.

Improvisierte Freiheit

Das Areal war einer der seltenen Fälle eines offenen „Dritten Ortes“ inmitten einer europäischen Großstadt: ein urbaner Möglichkeitsraum, in dem anstelle von Verwertung handwerkliche Improvisation, kollektive Aneignung und nicht-kommerzielle Nutzung bestimmend waren. Die unkonventionell gestaltete Betonlandschaft gab es aufgrund körperlichen und materiellen DIY-Wissens, etwa von Schalungen, Mischverhältnissen und Reparaturpraxen.

Was in dieser Zeit auf dem Areal im dritten Wiener Gemeindebezirk entstand, war allerdings kaum schriftlich oder bildlich dokumentiert. Sollte mit der Räumung und Umgestaltung des Geländes auch das Schaffen der freien Szene verloren werden?

Im Zuge der europäischen Kampagne Twin it! erfasste ein Team der Kunstuniversität Linz den DIY-Skatepark in Sankt Marx als digitales Kulturerbegut. Dabei entstand ein digitales 3D-Modell des Skateparks, das Interessierte nun auch im Kulturpool im hochauflösenden, georeferenzierten Format entdecken können.

So bewahrt die Digitalisierung einen verschwundenen, aber für viele bedeutungsvollen Ort und schreibt ihn ins Gedächtnis der Stadt ein. „Sankt Marx für alle“ wird als ein neues Kapitel der Stadt- und Protestgeschichte auffindbar.

Making-of – digitale Handarbeit im Austausch

Das digitale Übersichtsmodell basiert auf mehreren tausend hochauflösenden Fotos, die mit einer kleinen, unter 250 Gramm schweren Drohne aufgenommen wurden. Aufgrund der dichten Vegetation, niedrig hängender Äste sowie zahlreicher quer durch das Areal gespannter Schnüre und Kabel war ein klassischer Drohnenflug jedoch nicht möglich. Die Drohne wurde daher meist in der Hand wie eine Kamera durch den Park getragen. Aus dieser niedrigen Perspektive entstanden Fotos, die anschließend mittels Photogrammetrie zu einem räumlichen Modell verrechnet wurden.

Im Ergebnis liegt ein georeferenziertes 3D-Modell des gesamten Areals vor, in dem sich auch jene Vogelperspektiven simulieren lassen, die in der physischen Aufnahmesituation gerade nicht möglich waren. Das Digitalisat ermöglicht damit sogar neue, bislang unbekannte Sichtweisen auf den Skatepark.

Die digitale Erfassung war zugleich eine Form teilnehmender Feldforschung. Die Aufnahmen entstanden im laufenden Betrieb des Skateparks, im Austausch mit der DIY- und Skateszene. Renderings des 3D-Modells wurden anschließend nicht nur in akademischen Kontexten präsentiert, sondern zirkulieren auch in Sozialen Medien innerhalb der Szene und sind dort mittlerweile weithin bekannt. Das Modell ist damit kein museal abgeschlossenes Objekt, sondern Teil eines fortlaufenden kollektiven Erinnerungsprozesses.

Heute kann man im 3D-Modell noch durch den Skatepark fahren, die Bowls aus jedem Winkel betrachten und die Graffiti lesen – während draußen längst die Bagger durch waren.

Alexis Dworsky, Professor an der Kunstuniversität Linz

DIY, but for everyone

Die digitale Rekonstruktion selbst war ein Experiment mit vielen DIY-Erprobungen. Über die handgeführte Drohnen-Photogrammetrie hinaus wurden weitere Verfahren unkonventionell erprobt und miteinander kombiniert, etwa präzise Laserscans ausgewählter Obstacles mit einem mobilen LIDAR-Scanner sowie 3D Gaussian Splatting, wodurch das urbane Umfeld als immersiven Bildraum erfahrbar gemacht werden. Aus den Daten sind 3D-Drucke charakteristischer Elemente möglich, etwa im Maßstab 1:8, bespielbar mit dem Fingerskateboard. Jede Methode hat eigene Stärken, Lücken und Artefakte. Gerade deren Reibung macht die Modelle als Forschungsobjekte so spannend.

Wesentlich ist, dass sämtliche Modelle offen zugänglich und unter freier Lizenz weiterverwendbar bereitgestellt werden. Damit knüpft das Projekt an die DIY-Logik des Skateparks an und verlängert sie ins Digitale: Was vor Ort kollektiv und improvisierend gebaut wurde, soll auch als Datensatz offen verarbeitbar bleiben – durch andere Forschende, durch die Skateszene selbst und durch künstlerische Folgeprojekte. Zwischen DIY-Community und Open-Source-Kultur lässt sich hier also eine Verwandtschaft erkennen: gemeinsame Werkzeuge, geteiltes Wissen und kein Eigentum, das die Weiternutzung einschränkt.

Auf diese Weise tritt das Digitalisat in ein Spannungsverhältnis zum physischen Verlust: Es ersetzt den Skatepark nicht, hält aber Strukturen, Oberflächen und Einschreibungen verfügbar, die andernfalls mit dem Bagger verschwunden wären. Der DIY-Skatepark Sankt Marx wird so zu einem Fallbeispiel dafür, wie selbstorganisierte, subkulturelle Stadträume als digitales Kulturerbe verstanden und behandelt werden können – auch und gerade dann, wenn sie physisch nicht mehr existieren.

Konzeption und Realisierung

Univ.-Prof. Dr. Alexis Dworsky, Abteilung Mediales Gestalten, Kunstuniversität Linz; im Austausch mit Beteiligten der Skate- und DIY-Szene Sankt Marx

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