Der Schotterbrecher im ehemaligen KZ Gusen
NS-Zwangsarbeit, Gedenkort und digitale 3D-Rekonstruktion
Der Schotterbrecher im ehemaligen KZ Gusen ist ein bedeutendes historisches Zeugnis der NS-Zwangsarbeit und Teil der Erinnerungslandschaft der KZ Gedenkstätte Mauthausen-Gusen. Im Rahmen des EU-Projekts Twin it! – 3D for Europe’s culture wurde der Ort digital dokumentiert und als hochauflösende 3D-Rekonstruktion erfasst.
KZ-Zwangsarbeit im Steinbruchbetrieb
Bereits bei der Planung des KZ Mauthausen erwarb die SS auch im wenige Kilometer entfernt liegenden Ort Gusen Granitsteinbrüche. Ab Dezember 1939 mussten dort Häftlinge aus Mauthausen ein Lager errichten. Im April 1940 wurden die ersten Gefangenen permanent im KZ Gusen untergebracht und bis 1943 vor allem in der Steinbruchindustrie zur Zwangsarbeit eingesetzt. Im Jahr 1941 begann die SS-Firma Deutsche Erd- und Steinwerke den bestehenden Steinbruchbetrieb im KZ Gusen mit dem Bau einer Anlage zur Schotterproduktion zu erweitern, der damals größten Europas. Hier wurden ab 1943 pro Stunde bis zu 150 Tonnen Granit aus den Gusener Steinbrüchen zerkleinert, über einen direkten Gleisanschluss auf Waggons verladen und über die Verbindungsbahn zur Reichsbahn abtransportiert. Die Bauarbeiten mussten von Häftlingen des KZ Gusen verrichtet werden. Viele von ihnen kamen beim Bau und beim Betrieb dieser Anlage ums Leben.
Erinnerungsort im ehemaligen KZ Gusen
Der Schotterbrecher ist ein Ort der NS-Geschichte, der als bauliches Relikt die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes und den dort verübten NS-Verbrechen ermöglicht. Im Rahmen der EU-Kampagne Twin it! – 3D for Europe’s culture der Europeana entstanden mehrere Modelle. Das Projekt wurde durch Fördermittel des Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport ermöglicht. Die Umsetzung erfolgte in Kooperation mit Kulturgut Digital, EKG Baukultur ZT, der Burghauptmannschaft Österreich sowie der Bundesanstalt Mauthausen Memorial.
Was ist Gaussian Splatting?
Technische Umsetzung
Ausgangspunkt für alle Modelle ist jeweils die hochpräzise Punktwolke des 3D-Laserscans, die als Grundlage für die geplanten Sanierungsarbeiten dient. Sie bildet die Basis für Planunterlagen sowie für statische Analysen und Untersuchungen der Materialeigenschaften. Mithilfe von Photogrammetrie und der 3D-Gaussian-Splatting-Technik wurde ein detailgetreues digitales Modell erstellt. Dieses ermöglicht eine möglichst fotorealistische 3D-Repräsentation des Schotterbrechers aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dadurch können insbesondere Oberflächenstrukturen, Texturen sowie Witterungseinflüsse und Veränderungen präzise analysiert werden. Das Modell dient der langfristigen Dokumentation, Erforschung und digitalen Zugänglichmachung dieses historischen Ortes.
Ausgangspunkt für Forschung
Eine besondere Herausforderung stellte die Entwicklung eines historischen Funktionsmodells des Schotterbrechers dar. Ziel war es, fehlende Bauteile und Maschinen zu rekonstruieren und die Funktionsweise der Anlage in den 1940er-Jahren nachvollziehbar zu machen. Grundlage dafür war die intensive Auswertung von Bauforschungsberichten, Fotografien und Archivmaterialien mit Unterstützung des Historischen Archivs Krupp sowie des Technischen Museums Wien. Da nur wenige gesicherte Informationen erhalten sind, versteht sich das Modell als Rekonstruktions-These und soll weitere Forschung sowie den Austausch mit Wissenschafter:innen und Citizen Scientists anregen.